Eine Würdigung für Johann Warkentin – Festschrift zum 100. Geburtstag im BKDR Verlag erschienen

Mit diesem Jubiläumsband, dem zweiten nach der im Januar 2020 erschienenen Festschrift für Nora Pfeffer, setzt das Bayerische Kulturzentrum der Deutschen aus Russland seine Festschriftenreihe für bemerkenswerte russlanddeutsche Künstler, Wissenschaftler, Schriftsteller aus Vergangenheit und Gegenwart fort. Johann Warkentin, geb. 1920 in Spat auf der Krim, wäre am 11.05.2020 hundert Jahre alt geworden. Dieses Datum nahmen wir zum Anlass, um in Kooperation mit dem Literaturkreis und der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland einen Sammelband herauszugeben, in dem Warkentin selbst spricht und Schriftstellerkollegen, Historiker und Freunde über ihn und sein Werk zu Wort kommen. Zum großen Teil sind es Nachdrucke oder Übersetzungen diverser Quellen, viele Artikel stammen aus alten Ausgaben der Zeitschrift Volk auf dem Weg oder wurden speziell für diese Publikation verfasst.


Monografien zum Leben und Schaffen markanter russlanddeutscher Persönlichkeiten aus dem Bereich Kultur sind bisher eine Seltenheit. Umso mehr freuen wir uns über die Gelegenheit, diese Publikationsreihe mit einer Würdigung Warkentins ergänzen zu können. Persönlich wie auch durch sein Werk hinterließ er tiefe Spuren auf dem Weg zur Wiederbelebung der russlanddeutschen Literaturszene in der Sowjetunion der Nachkriegszeit und seit Anfang der 1980er auch in Deutschland, vorwiegend jedoch nachdem die Mehrheit der russlanddeutschen Autorinnen und Autoren um 1990 und später in die Heimat ihrer Vorfahren zurückgekehrt war. Seine Ermahnungen an die Adresse der nunmehr in Deutschland lebenden jüngeren Kolleginnen und Kollegen, sein hoher Qualitätsanspruch an das geschriebene Wort, seine kritisch-konstruktiven Bemerkungen, beispielsweise in seiner Monografie Geschichte der russlanddeutschen Literatur aus persönlicher Sicht (hrsg. von der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland, 1999), behalten zum großen Teil bis heute ihre Signifikanz und Aktualität und prägen weiterhin das Schaffen von Autorinnen und Autoren mit russlanddeutschem Hintergrund.

Erschienen im Juli 2020, unter ISBN 978-3-948589-06-6, 304 S., Hardcover, Preis: 14,00 EUR

Bestellungen unter E-Mail: kontakt@bkdr.de  oder unter Tel.: 0911-89219599.

Nora Pfeffer – eine Würdigung zum 100. Geburtstag

Zum 100. Geburtstag von Nora Pfeffer gaben das Bayerische Kulturzentrum der Deutschen aus Russland (Nürnberg) und der Literaturkreis der Deutschen aus Russland e.V. eine Festschrift heraus.

Die Dichterin Nora Pfeffer gehört mit ihrer poetischen und schriftstellerischen Leistung zu den wichtigsten russlanddeutschen Autoren der Nachkriegszeit. Jahrzehntelang hat sie die Entwicklung der deutschen Literatur in der ehemaligen Sowjetunion mitgeprägt – als Lyrikerin, Übersetzerin, Nachdichterin, Essayistin und Literaturkritikerin. Pfeffers Werke sind in ca. 15 Einzelbänden erschienen, darunter mehrere Versbücher für Kinder, Lyriksammlungen und Bücher mit Nachdichtungen. Sie wurde am 31. Dezember 1919 in Tbilissi/Georgien in einer Lehrerfamilie geboren. Noras Kindheit endete 1935 abrupt mit der Verhaftung ihrer Eltern. Fünf Kinder, eine taubstumme Tante und die Großeltern blieben vorerst allein, ein Jahr später wurde die Mutter aus dem Gefängnis entlassen. Der Vater, ohne Gerichtsverfahren konterrevolutionärer Tätigkeit bezichtigt, wurde erst nach elf Jahren entlassen und 1956 rehabilitiert.

Nach Abschluss der deutschen Schule und des Musiktechnikums am Konservatorium Tbilissi begann Nora Pfeffer ein Studium der Germanistik und Anglistik, das sie extern am I. Moskauer Staatlichen Pädagogischen Fremdspracheninstitut fortsetzte. Gleichzeitig unterrichtete sie die deutsche Sprache am Medizinischen Institut Tbilissi. Weil sie sich weigerte, von ihrem Vater loszusagen, wurde sie exmatrikuliert und auch aus der Musikfachschule ausgeschlossen. 1940 verlobte sie sich mit Juri Karalaschwili, dem Enkel des georgischen Katholikos. Im August 1941 wurde ihr Sohn Rewas geboren (Er verstarb 1989 mit nur 48 Jahren).

Als am 19. Oktober 1941 die georgischen Deutschen deportiert wurden, durfte Nora als Ehefrau eines Georgiers in Tbilissi bleiben. Ihre Mutter und Geschwister verschlug es nach Kasachstan. Auch Noras Mann lag inzwischen verwundet in einem Lazarett im sibirischen Barnaul.

Im November 1943 wurde auch Nora Pfeffer verhaftet (zusammen mit noch einigen georgischen Intellektuellen) und von ihrem kleinen Sohn getrennt. „Ich kam in ein Untersuchungsgefängnis. Ein schmutziger schwarzer Tisch in einer Einzelzelle. Ein Tonkrug darauf. Ein Becher. Ein Stuhl. Auf dem schmutzigen Fußboden ein Kübel und ein Besen. Man darf weder lesen noch schreiben. Ich wollte nicht durchdrehen, wollte meinen Sohn und Mann wieder in Freiheit umarmen können. Ich brauchte eine Beschäftigung. Sie brach eine Rute vom Besen ab, setzte sich an den Tisch und begann, die dicke Lehmschicht Millimeter um Millimeter abzutragen. Tag für Tag, Woche für Woche. Es stellte sich heraus, dass der Tisch leuchtend gelb war…“, erzählte sie in einem Interview mit Agnes Gossen.

Es folgen viele Jahre Straflager in Dudinka (NorilLag). „Tagelanges Reisen in Stolypin-Waggons, mit salzigen Heringen als einziges Nahrungsmittel, Wasser zum Trinken wurde nicht verabreicht. Ich kam nach Dudinka in ein Lager, wo man bei 50 Grad minus in gewöhnlichen Zelten untergebracht wurde. Chronischer Skorbut mit blutendem Zahnfleisch. Holzfällen im Wald, wo man immer wieder auf Leichen von Häftlingen stieß, die auf der Flucht erschossen wurden oder völlig erschöpft zusammengebrochen waren“, ist im Interview nachzulesen. Nach zehn Jahren Straflager kam sie in die Verbannung nach Nordkasachstan.

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