Erste Nachkriegszeitung für die Deutschen in der UdSSR

Eingang zur Redaktion der Zeitung „Arbeit“.
© Leo Malinowski

Das Jahr 1955 brachte für die deutsche Minderheit in der UdSSR nicht nur die Befreiung vom obsoleten und erniedrigenden Kommandanturregime, sondern ebenfalls die erste Zeitung in ihrer Muttersprache, die, wenn auch ideologisch verbrämt und lückenhaft, nichtsdestotrotz über ihr Leben berichtete und sogar einige ihrer Anliegen artikulierte. Die Rede ist von der „Arbeit“. Sie wurde im sibirischen Barnaul vom 10. Dezember 1955 bis zum 27. April 1957 herausgegeben.

Der Leitartikel der ersten Ausgabe zeichnete unmissverständlich auf, welche Stellung im sozialistischen Sowjetstaat für die Minderheit vorgesehen war: Der Sowjetdeutsche habe demnach nur „die Vorgaben der Partei und Regierung“ vorrangig in der Landwirtschaft erfolgreich zu erfüllen und gleichzeitig den Geist der Völkerfreundschaft und des sozialistischen Internationalismus zu pflegen. Alle historischen Hintergründe und Kriegserlebnisse der Volksgruppe wurden dabei konsequent ausgeblendet. Als Redakteur fungierte ein erfahrener Politoffizier, Viktor Pestow, der acht Jahre als Vertreter der sowjetischen Besatzungsmacht im Rang eines stellvertretenden Chefredakteurs der Berliner Zeitung „Tägliche Rundschau“ mitwirkte.

Interessante Erinnerungen über diese Zeit hinterließ Leo Malinowski auf Russisch (einsehbar unter: http://akunb.altlib.ru/files/elib/arb013.pdf). Er war zur damaligen Zeit Korrespondent der Zeitung.

Wegen vermeintlicher „nationalistischer und autonomistischer Bestrebungen“ war die Arbeit den regionalen Sowjet- und Parteistellen ein ständiger Dorn im Auge, ungeachtet der ausgesprochenen Ideologisierung und Parteihörigkeit. Der nachfolgende Artikel, erschienen am 27. Juni 1956, verfasst vom ehemaligen Wolgadeutschen Journalisten und Literaten Karl Welz (über ihn ein Bericht in der „Zeitung für Dich“ aus dem Jahr 2016, S. 4) sowie dem einstigen Lehrer Joachim Kunz,  beide Mitarbeiter der Zeitung, könnte als ein Beitrag gegen die Parteilinie interpretiert werden:

Unter dem fadenscheinigen Vorwand, am 1. Mai 1957 würde eine Zentralzeitung mit dem Namen „Neues Leben“ für „die sowjetdeutsche Bevölkerung“ in Moskau erscheinen, wurde die Arbeit am 27. April des Jahres 1957 zum letzten Mal herausgegeben und danach abgesetzt.

Das BKDR verfügt über eine fast komplette Ausgabe dieses ersten Nachkriegsperiodikums und beabsichtigt, es als wertvolle zeithistorische Quelle in einem hochwertigen Digitalisat dem breiten Lesepublikum zugänglich zu machen.