Im Oktober 2025 findet im Heiligenhof in Bad Kissingen eine Fachtagung mit dem Titel „Die Schwarzmeerdeutschen: Kultur, Geschichte und Gegenwart“ statt. Nachstehend einige Eckdaten sowie das entsprechende Programm mit den etwaigen Modalitäten:
Veranstalter: Der Heiligenhof in Kooperation mit dem Bayerischen Kulturzentrum der Deutschen aus Russland in Nürnberg (BKDR)
Zeitraum: 17.10.2025 – 19.10.2025 Veranstaltungsort: Der Heiligenhof, Alte Euerdorfer Str. 1, D-97688 Bad Kissingen
(Willy Brandt, aus dem Begrüßungsschreiben an die „Heimkehrer“ …)
Dokument des Monats
Der sozialdemokratische Bundeskanzler Willy Brandt (im Amt von 1969 bis 1974) ist in die Geschichte als einer der bedeutendsten deutschen Staatsmänner eingegangen. Besonders die Ost- und Entspannungspolitik, die Aussöhnung und Verständigung mit den osteuropäischen Staaten, waren sein Herzensanliegen. Wandel durch Handel, Wandel durch Annäherung – das waren die Slogans, die seine Kanzlerschaft begleiteten.
Die Folgen dieser Politikwende werden bis heute durchaus kritisch gesehen, insbesondere im Hinblick auf die UdSSR. Der „Kalte Krieg“ kehrte – entgegen den Hoffnungen sowohl der Urheber als auch der Anhänger der neuen Ostpolitik – mit dem Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan 1979 wieder zurück. Immerhin gab Brandt nie das Ziel der deutschen Einheit auf. Die Entspannungspolitik der 1970er-Jahre hatte für viele Deutsche zu erheblichen Verbesserungen im Reise- und Postverkehr zwischen der Bundesrepublik, Westberlin und der DDR geführt.
Neuerscheinung im BKDR Verlag – Ein Buch von Olga Litzenberger und Sergey Terekhin
Die Entfernung zwischen den Flüssen Wolga und Paraná beträgt in der Luftlinie etwa 14.000 km. Würde man diese Strecke zu Fuß zurücklegen, könnte man sie innerhalb von vier Monaten bewältigen. Doch das ist reine Mathematik; in Wirklichkeit dauert es Jahre oder sogar Jahrzehnte. Die Autoren dieses Bandes, Olga Litzenberger und Sergey Terekhin, sind an der Wolga aufgewachsen und haben schon immer eine Faszination für ferne Länder, auch für Argentinien, gehegt. Als Experten für die Geschichte und Kultur der Wolgadeutschen erfuhren sie, dass viele von ihnen im 19. Jahrhundert nach Argentinien ausgewandert sind. Das kindliche Interesse der beiden wurde zu einem beruflichen Anliegen: Sie wollten genau herausfinden, wie die Nachkommen der Wolgadeutschen heute leben. In den Jahren 2023 und 2025 besuchten sie die Dörfer und Städte in den Provinzen Entre Ríos, Buenos Aires und La Pampa, die von den einstigen wolgadeutschen Siedlern gegründet wurden. Die Nachkommen der Wolgadeutschen prägen bis heute diese Umgebung auf typisch deutsche Weise: die Straßen, Schulen und Kirchen – alles Bauwerke, die in alter Tradition ihrer wolgadeutschen Vorfahren errichtet wurden. Sie bewahren und pflegen ihr kulturelles Erbe.
„Es war wie ein Wunder“, sagen beide Autoren, „die Vergangenheit wurde lebendig, und die Umgebung, die wir jahrelang nur aus Büchern und Archiven kannten, wurde real erlebbar.“ Diese inspirierende Erfahrung bildete die Grundlage für dieses Buch.
Ab den 1970er-Jahren verbreitete sich in der UdSSR die Tierhaltung von Nutrias bzw. Biberratten, begünstigt sowohl durch die relativ einfache Pflege als auch durch den allseits herrschenden Mangel an Konsumgütern und Lebensmitteln. Die Kleintierzucht war in der Sowjetunion eine der wenigen zugelassenen Möglichkeiten, sich neben der oft unzureichenden Entlohnung in den obligatorischen staatlichen oder genossenschaftlichen (Kolchose-)Beschäftigungen einen legalen Zuverdienst zu erarbeiten.
Besonders Hauseigentümer in den Städten konnten eine Anlage für die Kleintierzucht mit Kaninchen oder eben auch Biberratten unterhalten. Das Fell der Nutrias war nicht so edel wie das der Nerze, aber wesentlich wertvoller als das der Kaninchen. Besonders gefragt waren Wintermützen, aber auch Pelzmäntel wurden daraus genäht.
Fütterung der Tiere und das Pelzlager in Konstantinowka, Gebiet Pawlodar, 1970-80er Jahre @ Irina Winter-Djatschenko.
Zu dieser Zeit züchteten viele Privatpersonen – darunter, etwa in Kasachstan, überdurchschnittlich viele Deutsche – diese Tiere, gerbten die Felle, nähten Mützen und verkauften sie auf Märkten oder an Bekannte. Das Fleisch wurde in der eigenen Familie sowie im breiten Verwandtschafts- und Bekanntenkreis konsumiert und galt, ähnlich wie Kaninchenfleisch, als Diätkost.
Am 8. und 9. Juli besuchte Dr. Timur Apendiyev, Abteilungsleiter des Akademischen Instituts für Geschichte und Ethnologie in Almaty (Kasachstan), unser Kulturzentrum. Er machte sich mit den Aktivitäten des BKDR vertraut, um mögliche gemeinsame Schnittstellen bei der Forschung zur Geschichte und Kultur der Deutschen in Kasachstan auszuloten. Bei diesem Treffen wurden mehrere potenzielle Kooperationsvorhaben besprochen. Unter anderem ging es um die Auswertung der Ergebnisse der ersten Nachkriegsvolkszählung von 1959, die wichtigen Daten zur demografischen Entwicklung unter den Deutschen nach der Deportation in der Sowjetunion (1941) enthält. Bisher hat die historische und bevölkerungswissenschaftliche Forschung diese Quelle kaum berücksichtigt. Zudem wäre eine Zusammenarbeit mit dem Institut in Kasachstan im Themenbereich der Repressionen im Stalinismus sehr sinnvoll. Schließlich wurde auch ein drittes mögliches Kooperationsfeld angesprochen: einige Bildungsprojekte des BKDR, bei denen die kasachische Seite ihre Unterstützung und Zuarbeit zusicherte.
Dr. Timur Apendiyev (Mitte) bekam zwei Bücher aus dem BKDR Verlag überreicht (c) BKDR.
An den Gesprächen nahmen Waldemar Eisenbraun, Dr. Viktor Krieger und Dr. Olga Litzenberger teil. Der Gast aus Kasachstan überreichte den Kollegen Eisenbraun und Krieger eine Einladung seiner Institutsleitung anlässlich des 80-jährigen Jubiläums seiner Einrichtung. Die Feierlichkeiten sowie eine wissenschaftliche Konferenz zu diesem Anlass finden Ende September 2025 in Almaty statt.
Zum 80. Jahrestag des Sieges über das nationalsozialistische Deutschland. Eine Fachbroschüre von Dr. Viktor Krieger
Die neue BKDR-Broschüre mit dem Titel „Die Lage der deutschen Minderheit im Spätstalinismus“ geht der Frage nach, wie sich die bedingungslose Kapitulation des Hitler-Deutschlands am 8. (9.) Mai 1945 auf die gesellschaftspolitische Stellung der deutschen Sowjetbürger auswirkte. Das Kriegsende bedeutete für sie das damit verbundene Aufheben des Lagerregimes, die Befreiung von der Zwangsarbeit und eine – wenn auch mit vielen Hürden verbundene – Zusammenführung der zuvor jahrelang getrennten Familienmitglieder. Ihre wirtschaftliche und soziale Situation begann sich langsam zu verbessern.
Allerdings erhielten die Sowjetbürger deutscher Nationalität nicht die verfassungsmäßig garantierten persönlichen und Kollektivrechte zurück, sondern wurden zu Personen minderen Rechts erklärt: Als Sondersiedler befanden sie sich in der Verfügungsgewalt der Sonderkommandanturen des Innenministeriums, durften die für sie bestimmten Verbannungs- bzw. Siedlungsorte im asiatischen Teil des Landes nicht verlassen und mussten in der Regel schwere körperliche Arbeit in der Land- und Forstwirtschaft, auf Baustellen und in der Industrie leisten. Die enthemmte germanophobe Staatspolitik der Kriegs- und der ersten Nachkriegsjahre hat das Leben von Hunderttausenden verleidet. Erst nach der Aufhebung des Sondersiedlerstatus im Jahre 1956 gehörten die Deutschen formalrechtlich zu den vollwertigen Sowjetbürgern, obwohl sie bis Ende der 1980er-Jahre weiterhin mit zahlreichen Diskriminierungen in allen gesellschaftspolitischen und kulturellen Bereichen konfrontiert wurden. Immer wieder mussten sie deutschfeindliche Erfahrungen machen, die sowohl von den Partei- bzw. staatlichen Institutionen ausgingen als auch im privaten Umfeld stattfanden. Bis heute bleibt die deutsche Minderheit in Russland die einzige nicht vollständig rehabilitierte Bevölkerungsgruppe.
Am 5. Mai 2015, anlässlich des 70. Jahrestages der Nürnberger Prozesse, stiftete der Generalstaatsanwalt der Russischen Föderation eine Auszeichnung: die Rudenko-Medaille.
Sie wurde zu Ehren von Roman Rudenko (1907–1981), dem sowjetischen Chefankläger bei den Nürnberger Prozessen gegen die nationalsozialistischen Hauptkriegsverbrecher, geschaffen. Zugleich dient sie dazu, Mitarbeiter der Organe und Institutionen der Staatsanwaltschaft der Russischen Föderation für besondere Verdienste beim Schutz der Rechte und Freiheiten der Bürger sowie der Interessen von Staat und Gesellschaft auszuzeichnen.
Rudenko war über viele Jahre Generalstaatsanwalt der UdSSR (1953–1981), starb hochgeehrt und erhielt ein Staatsbegräbnis sowie ein Ehrengrab in Moskau. Er wurde Namensgeber verschiedener Organisationen und Stipendien; im Jahr 2015 würdigte ihn die russische Post mit einer Sonderbriefmarke.
Vom 26. August bis zum 7. September 2025 veranstaltet das Bayerische Kulturzentrum der Deutschen aus Russland (BKDR) eine Bildungsreise mit dem Titel „Auf wolgadeutschen Spuren in Argentinien“. Im Rahmen dieser Exkursion wird ein abwechslungsreiches, geführtes Programm mit zahlreichen Highlights angeboten. Zeitgleich bietet das Exkursionsprogramm ausreichend Raum für eine individuelle Tagesgestaltung.
Nachstehend einige Eckdaten zur Reise:
Veranstalter: Kulturzentrum BKDR
Reisebeginn: 26. August 2025 (Dienstag) um 18:40 Uhr am Flughafen Frankfurt am Main Reiseende: 7. September 2025 (Sonntag) um 11:00 Uhr am Flughafen Frankfurt am Main Unterbringung: Hotels entlang der Reiseroute Verpflegung: Frühstück in Hotels Transfer: Reisebus von/zum Flughafen Buenos Aires sowie an allen Programmtagen Inhalte: 5 Tage themenbezogenes Programm, 5 Tage Freizeitpaket Gruppenstärke: 20 Personen (inkl. 2 Gruppenbetreuer)
Mitte des 19. Jahrhunderts hatten sich die deutschen Kolonien an der Wolga wirtschaftlich, gemeinschaftlich und konfessionell konsolidiert, was sich unter anderem an den rasant gestiegenen Bevölkerungszahlen ablesen ließ: Wenn es bei der Ankunft an der Wolga in den 1760er-Jahren um 23,2 Tsd. Einwanderer ging und 1798 etwa 39,2 Tsd. Kolonisten beiderlei Geschlechts registriert wurden, wuchs ihre Zahl bis 1857 bereits auf 198,6 Tsd. (!) an. Davon entfielen rund 68 % auf die evangelischen und ca. 32 % auf die katholischen Gemeinden; die 1854 auf die Wiesenseite zugezogenen Mennoniten machten weniger als 1 % der deutschen Bevölkerung aus.
Das ursprüngliche Siedlungsgebiet der wolgadeutschen Bauern wurde von der Regierung gerade in den 1850er-Jahren stark erweitert, um der wachsenden Zahl der Landarmen bzw. -losen einen Ausweg aus der sich abzeichnenden Verarmung zu geben. Eine Karte aus dem Werk Atlas der Evangelisch-Lutherischen Gemeinen in Russland (St. Petersburg, 1855) vermittelt anschaulich die administrative Aufgliederung des Kolonistengebiets im Jahr 1855. Obwohl der Titel nur von ev.-luth. Gemeinden spricht, sind auf der Karte auch katholische und mennonitische Landkreise neben den neuen, noch nicht endgültig besiedelten Territorien abgebildet.
Nachdem wir im vergangenen Monat die „Einstellungen zu Medien in Deutschland 2020 (nach Migrationshintergrund)“ erläutert haben, gehen wir in diesem Monat auf das „Vertrauen in politische Institutionen 2020 (nach Migrationshintergrund)“ ein.
Das Vertrauen in die repräsentativen politischen Institutionen stellt einen wichtigen Aspekt des gesellschaftlichen Zusammenhalts dar. Als optimal für das Funktionieren einer Demokratie gilt dabei eine Balance aus Vertrauen und einer gewissen kritischen Distanz den Institutionen gegenüber (Faus et al. 2019: 15–16, 35). Über das Institutionenvertrauen der Bevölkerung mit (Spät-)Aussiedlerstatus ist allerdings bisher kaum etwas bekannt. Zugewanderte mit (Spät-)Aussiedlerstatus vertrauen den deutschen politischen Institutionen weniger als die insgesamt vertrauensvollste Gruppe der anderen Zugewanderten (Abb. 8.1). Sie haben jedoch mehr Vertrauen als die insgesamt am skeptischsten eingestellte Gruppe der Deutschen ohne Migrationshintergrund. Von Letzteren vertrauen nur etwa zwei Drittel dem Bundestag und der Bundesregierung „eher“ oder „voll und ganz“. Bei den (Spät-)Aussiedlern sind es immerhin über 70 Prozent, bei anderen Zugewanderten sogar über 80 Prozent. Die Unterschiede sind jeweils hoch signifikant.