Selektive Erinnerung

(Dokument des Monats)

Am 5. Mai 2015, anlässlich des 70. Jahrestages der Nürnberger Prozesse, stiftete der Generalstaatsanwalt der Russischen Föderation eine Auszeichnung: die Rudenko-Medaille.

Rudenko-Medaillie, 2015 © Karagodin-Seite (HIER)

Sie wurde zu Ehren von Roman Rudenko (1907–1981), dem sowjetischen Chefankläger bei den Nürnberger Prozessen gegen die nationalsozialistischen Hauptkriegsverbrecher, geschaffen. Zugleich dient sie dazu, Mitarbeiter der Organe und Institutionen der Staatsanwaltschaft der Russischen Föderation für besondere Verdienste beim Schutz der Rechte und Freiheiten der Bürger sowie der Interessen von Staat und Gesellschaft auszuzeichnen.

Rudenko war über viele Jahre Generalstaatsanwalt der UdSSR (1953–1981), starb hochgeehrt und erhielt ein Staatsbegräbnis sowie ein Ehrengrab in Moskau. Er wurde Namensgeber verschiedener Organisationen und Stipendien; im Jahr 2015 würdigte ihn die russische Post mit einer Sonderbriefmarke.

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Eine historische Karte des wolgadeutschen Siedlungsgebiets, 1855

Mitte des 19. Jahrhunderts hatten sich die deutschen Kolonien an der Wolga wirtschaftlich, gemeinschaftlich und konfessionell konsolidiert, was sich unter anderem an den rasant gestiegenen Bevölkerungszahlen ablesen ließ: Wenn es bei der Ankunft an der Wolga in den 1760er-Jahren um 23,2 Tsd. Einwanderer ging und 1798 etwa 39,2 Tsd. Kolonisten beiderlei Geschlechts registriert wurden, wuchs ihre Zahl bis 1857 bereits auf 198,6 Tsd. (!) an. Davon entfielen rund 68 % auf die evangelischen und ca. 32 % auf die katholischen Gemeinden; die 1854 auf die Wiesenseite zugezogenen Mennoniten machten weniger als 1 % der deutschen Bevölkerung aus.

Das ursprüngliche Siedlungsgebiet der wolgadeutschen Bauern wurde von der Regierung gerade in den 1850er-Jahren stark erweitert, um der wachsenden Zahl der Landarmen bzw. -losen einen Ausweg aus der sich abzeichnenden Verarmung zu geben. Eine Karte aus dem Werk Atlas der Evangelisch-Lutherischen Gemeinen in Russland (St. Petersburg, 1855) vermittelt anschaulich die administrative Aufgliederung des Kolonistengebiets im Jahr 1855. Obwohl der Titel nur von ev.-luth. Gemeinden spricht, sind auf der Karte auch katholische und mennonitische Landkreise neben den neuen, noch nicht endgültig besiedelten Territorien abgebildet.

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Statistik des Monats „Mai 2025“

Nachdem wir im vergangenen Monat die „Einstellungen zu Medien in Deutschland 2020 (nach Migrationshintergrund)“ erläutert haben, gehen wir in diesem Monat auf das „Vertrauen in politische Institutionen 2020 (nach Migrationshintergrund)“ ein.

Das Vertrauen in die repräsentativen politischen Institutionen stellt einen wichtigen Aspekt des gesellschaftlichen Zusammenhalts dar. Als optimal für das Funktionieren einer Demokratie gilt dabei eine Balance aus Vertrauen und einer gewissen kritischen Distanz den Institutionen gegenüber (Faus et al. 2019: 15–16, 35). Über das Institutionenvertrauen der Bevölkerung mit (Spät-)Aussiedlerstatus ist allerdings bisher kaum etwas bekannt. Zugewanderte mit (Spät-)Aussiedlerstatus vertrauen den deutschen politischen Institutionen weniger als die insgesamt vertrauensvollste Gruppe der anderen Zugewanderten (Abb. 8.1). Sie haben jedoch mehr Vertrauen als die insgesamt am skeptischsten eingestellte Gruppe der Deutschen ohne Migrationshintergrund. Von Letzteren vertrauen nur etwa zwei Drittel dem Bundestag und der Bundesregierung „eher“ oder „voll und ganz“. Bei den (Spät-)Aussiedlern sind es immerhin über 70 Prozent, bei anderen Zugewanderten sogar über 80 Prozent. Die Unterschiede sind jeweils hoch signifikant.

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Neuer virtueller Rundgang: Regionales Newsorow-Museum für bildende Kunst in Semei (Kasachstan)

Heute möchte das Bayerische Kulturzentrum der Deutschen aus Russland (BKDR) Ihnen den mittlerweile 26. virtuellen Rundgang (VR) präsentieren: Das Regionale Newsorow-Museum für bildende Kunst in Semei, Kasachstan. Zum VR gelangen Sie unter dem nachfolgenden Link:

https://bkdr.de/VRundgang/SemeiMuseum

Das 1985 in Semei (ehem. Semipalatinsk) gegründete Museum verfügt über die Sammlung „Deutsche Künstler in der Museumskollektion“. 1988 schenkte der Moskauer Sammler Julij Newsorow zusammen mit seiner Frau Antonina und Tochter Julija dem Museum mehr als 500 Werke der russischen, sowjetischen und ausländischen Kunst. Die Ausstellung deutscher Künstler ist dabei in zwei Sälen untergebracht und umfasst mehr als 100 Exponate. Sie präsentiert Meister, die Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts im Russischen Reich tätig waren (z. B. Nikolai Ellert und Oskar Klever), Werke von Künstlern aus der Sowjetzeit (z. B. Hugo Maniser und Inga Sсhkuber) sowie zeitgenössische Werke (z. B. von Viktor Schmidt und Wladimir Hoffman). Von besonderem Interesse ist das Gemälde „Porträt eines alten Mannes“ aus dem späten 19. Jahrhundert des berühmten deutschen Künstlers Professor Fritz von Ude.

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„Die Wolgadeutschen in Argentinien seit 1878: Vorgestern Deutsche, gestern „Russen“, dann Wolgadeutsche, heute Argentinier. Und morgen?“

Prof. Dr. René Krüger lebt derzeit in Gualeguaychú, in der Provinz Entre Ríos, Argentinien. Er ist ordinierter Pfarrer im Ruhestand der Evangelischen Kirche am La Plata sowie promovierter Theologe und Historiker. Von 1985 bis 2015 war er Professor am Instituto Universitario ISEDET, dessen Rektorat er zwischen 1999 und 2007 innehatte.

Auch im Ruhestand ist Krüger weiterhin aktiv: Er hält Vorträge und leitet Intensivkurse und Seminare an verschiedenen theologischen Einrichtungen in ganz Lateinamerika, aber auch in Bayern, weshalb er in regelmäßigen Abständen in Deutschland ist. Gemeinsam mit seiner Frau Zully Bauer initiierte er ein Wanderbibelmuseum, mit dem sie zwischen 2014 und 2022 insgesamt 64 Ausstellungen in Argentinien, Paraguay und Uruguay realisierten.

Heute möchten wir Ihnen die Akademische Viertelstunde mit Herrn Krüger zum Thema „Die Wolgadeutschen in Argentinien seit 1878: Vorgestern Deutsche, gestern „Russen“, dann Wolgadeutsche, heute Argentinier. Und morgen?“ präsentieren.

Wir wünschen Ihnen viel Spaß beim Anschauen und freuen uns über ein Abonnement auf YouTube!

Zum 80. Jahrestag der bedingungslosen Kapitulation des Hitler-Deutschlands

Das Kriegsende, den Tag des Sieges – in der UdSSR am 9. Mai gefeiert – empfanden die Sowjetbürger deutscher Nationalität im Jahr 1945 als große Erleichterung, verbunden mit Hoffnungen auf Besserung ihrer Lage. Man glaubte, nach dem entbehrungsreichen Einsatz in Arbeitslagern und Deportationsgebieten – auch als Beitrag zum Sieg über den verhassten Feind – endlich wieder als gleichberechtigte, vollwertige Sowjetbürger anerkannt zu werden, die Rückkehr in die heimatlichen Wohnorte der Vorkriegszeit antreten zu dürfen und die Neuerrichtung der autonomen wolgadeutschen Republik zu erleben. Kurzum: Man erwartete die Wiederherstellung des Vorkriegszustandes. Die überwiegende Mehrheit der Betroffenen wäre in diesem Fall sicherlich bereit gewesen, schwerwiegende Rechtsverletzungen und rücksichtslose Ausbeutung als Auswüchse der Kriegszeit zu akzeptieren – als harte, aber letztendlich doch irgendwie zu rechtfertigende Maßnahmen im blutigen Ringen um den Sieg.

Eingangstor mit Wachhaus, ein Arbeitslager bei Tscheljabinsk.

Doch ihre berechtigten Erwartungen wurden bitter enttäuscht: Es dauerte weitere zehn Jahre, bis der Krieg Anfang 1956 auch für die Deutschen in der UdSSR formalrechtlich zu Ende ging. Bis dahin befanden sie sich als Sondersiedler in der Verfügungsgewalt der Sonderkommandanturen des Innenministeriums, durften die Orte der Pflichtansiedlungen im asiatischen Teil des Landes nicht verlassen und mussten schwere körperliche Arbeit in der Land- und Forstwirtschaft, auf Baustellen sowie in Industriebetrieben leisten.

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Ein Protestschreiben: gegen die Abschaffung der deutschsprachigen Studiengänge in der Ukraine (1936)

Dokument des Monats

Das „Dokument des Monats“ April aus dem Jahr 1936 ist ein sichtbarer Ausdruck der Veränderungen in der innen- und außenpolitischen Konstellation der UdSSR der 1930er-Jahre. Minderheiten aus dem „Westen“ – wie Polen, Deutsche, Finnen, Ingermanländer, Esten, Letten und andere Diasporagruppen – wurden zunehmend offen oder unterschwellig mit Vorwürfen und Verdächtigungen konfrontiert, sie betrieben Schädlings- und Spionagetätigkeiten. Sie galten als eines der Hauptziele des „Großen Terrors“ in den Jahren 1937/1938. Parallel zur physischen Liquidierung der vermeintlichen „fünften Kolonne“ wurden Maßnahmen zur systematischen Auflösung kultureller und bildungsrelevanter Institutionen dieser nationalen Gruppen sowie ihrer territorialen Verwaltungseinheiten (nationale Landkreise und Dorfräte) eingeleitet. So musste bereits 1934 die deutschsprachige antireligiöse Wochenschrift „Das Neuland“ ihr Erscheinen einstellen. Im April 1935 erschien das letzte Heft der monatlichen Literaturzeitschrift „Der Sturmschritt“, im September 1937 fiel auch die Republikzeitung „Das neue Dorf“ (ab Juni 1936 umbenannt in „Die Wahrheit“) diesem Schicksal zum Opfer.

Beschwerdebrief von Studierenden aus Odessa über die Abschaffung der deutschsprachigen Studiengänge (Ausschnitt) @ Russländisches Staatsarchiv GARF.
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Statistik des Monats „April 2024“

Nachdem wir im vergangenen Monat das „Vertrauen in deutsche Medien und in Medien des Herkunftslandes 2020 (nach Migrationshintergrund)“ erläutert haben, möchten wir Ihnen in diesem Monat die „Einstellungen zu Medien in Deutschland 2020 (nach Migrationshintergrund)“ näherbringen.

Neben dem Aspekt des Vertrauens in Medien sind auch die individuellen Einstellungen zur Rolle der Medien von Bedeutung. Der Aussage, die Medien würden von der Politik gelenkt, stimmt zwar insgesamt nicht die Mehrheit der Bevölkerung zu, es stimmen jedoch beachtlich große Minderheiten „eher“ oder „voll und ganz“ zu (Abb. 7.2). Mit 41 Prozent Zustimmung sind die Deutschen ohne Zuwanderungsgeschichte etwas zurückhaltender.

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Spurensuche in Familiengeschichten: „Spezifika der Familienforschung am Beispiel der Kaukasusdeutschen“

Am vergangenen Samstag fand im Haus der Heimat in Nürnberg das zweite praktische Seminar der Reihe „Spurensuche in Familiengeschichten“ statt. Die Veranstaltung, die sich dem Thema „Spezifika der Familienforschung am Beispiel der Kaukasusdeutschen“ widmete, wurde vom Bayerischen Kulturzentrum der Deutschen aus Russland (BKDR) in Zusammenarbeit mit der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland (LmDR, Ortsgruppe Nürnberg) und dem Historischen Forschungsverein der Deutschen aus Osteuropa (HFDO) organisiert. Als Referent führte Dr. Ohngemach durch das Seminar.

Zunächst erörterte Ohngemach die Definitionen sowie Grundlagen der Ahnenforschung, um sowohl den vor Ort anwesenden als auch per Zoom zugeschalteten Personen einen Einstieg in dieses Themengebiet zu ermöglichen. Im Anschluss daran wurden die Spezifika der Familienforschung am Beispiel von Helenendorf präsentiert und anhand von praktischen Übungen durch die Teilnehmer vertieft und gefestigt. Eine lebendige Abschlussdiskussion mit vielen neuen, wertvollen Erkenntnissen für alle Beteiligten rundete das gelungene Tagesseminar ab.

Wir freuen uns schon jetzt auf die nächsten Veranstaltungen im Rahmen dieser Reihe. Über diese werden Sie auf all unseren Kanälen rechtzeitig informiert!

Altbewährter Bolschewik Karl Rekst

Dokument des Monats

Die missliche Lage, in der sich die Sowjetbürger deutscher Herkunft ab 1941 befanden, führte in den folgenden Jahren zu verschiedenen, manchmal fast tragikomischen Aktionen der Betroffenen, um sich von dem Makel eines Deutschen – d. h. einer Person mit stark beschnittenen Rechten – zu befreien. Ein Beispiel dafür ist der Fall von Wladimir Koslow, der aufgrund des deutsch klingenden Nachnamens seines lettischen Adoptivvaters, Karl Rekst, in ein Arbeitslager zwangsmobilisiert und nach dem Krieg als Sondersiedler mit all den damit verbundenen Konsequenzen erfasst wurde.

Ausschnitt aus dem Brief von Karl Rekst an Nikita Chruschtschow. Details siehe unten.

Die langjährigen Bemühungen seiner und seines Adoptivvaters um die Anerkennung der russischen Volkszugehörigkeit blieben erfolglos ‒ wer einmal in die Mühlen der stalinistischen NKWD-Behörden geraten war, konnte sich später kaum davon retten, egal wie absurd die Situation auch erscheinen mochte. Erst nach Stalins Tod kam Bewegung in die Sache: Am 8. Februar 1954 stellte ein Offizier des Innenministeriums fest: „Unter Berücksichtigung, dass die nationale Zugehörigkeit von REKST-KOSLOW die einzige Grundlage war, ihn in das Register der Sondersiedler aufzunehmen […], schlage ich vor: Den Sondersiedler Wladimir Aleksandrowitsch Koslow als Person russischer Nationalität aus dem Register für Sondersiedler abzumelden.“

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