Das Krim-Taurien-Projekt aus dem Jahr 1918 und Pastor Immanuel Winkler

Anknüpfend an unseren letzten Beitrag unter dem Titel „Wie und wann entstand der Begriff „Schwarzmeerdeutsche“? im Rahmen der Reihe Dokument des Monats, möchten wir ein weiteres interessantes Dokument aus dieser Zeit vorstellen.

Es handelt sich dabei um ein Projekt aus dem Jahr 1918, das sich mit der Schaffung einer deutschen Kronkolonie unter dem Namen „Krim-Taurien“ befasst und auf Pastor Immanuel Winkler (1886–1932) als Initiator zurückgeht.

Immanuel Winkler als Theologiestudent an der Universität Dorpat, 1904.
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BKDR-Fachtagung: „Deutsches Radio in Kasachstan – Rückblick und Perspektiven“

„Es gab Gott und danach Minna Wagner“, beschrieb Michael Mastel (Karlsruhe) die Beliebtheit der deutschen Sendungen in Kasachstan am Beispiel seiner Mutter und sprach damit zahlreichen Deutschen der Nachkriegszeit, die in Kasachstan, der Altairegion oder Omsk sehnsüchtig dem deutschen Wort aus dem Hörfunkgerät lauschten, geradezu aus der Seele.

Das Bayerische Kulturzentrum der Deutschen aus Russland (BKDR) lud Hermina Wagner und vier weitere ehemalige Mitarbeiter des deutschen Hörfunks in Kasachstan sowie weitere Experten aus den Bereichen „Deutscher Rundfunk“ und „Printmedien“ in der ehemaligen Sowjetunion, im heutigen Kasachstan und Deutschland zur Fachtagung „Deutsches Radio in Kasachstan – Rückblick und Perspektiven“ vom 18.-19. November 2023 in die Räumlichkeiten des BKDR ein. In diesem Jahr feierte das deutsche Programm in Kasachstan seinen 65. Gründungstag.

Die Teilnehmer der BKDR-Fachtagung „Deutsches Radio in Kasachstan – Rückblick und Perspektiven“

Die Teilnehmer wurden von Waldemar Eisenbraun (Leitung BKDR) auch im Namen des Vorsitzenden des BKDR-Trägervereins, Herrn Ewald Oster, herzlich begrüßt. In der Einführung berichtete Eisenbraun über die Aktivitäten des Kulturzentrums und betonte anhand von Videobeiträgen zur Einweihung 2019 sowie zur Veranstaltung „30 Jahre Spätaussiedler in Bayern“ die Bedeutung der Kulturstätte als „Leuchtturmprojekt“, das bundesweit einmalig ist. Anfang 2024 feiert das BKDR sein 5-jähriges Bestehen.

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Wie und wann entstand der Begriff „Schwarzmeerdeutsche“?

Seit ihrer Einwanderung in die Schwarzmeergebiete des Russischen Reiches Ende des 18. Jahrhunderts bezeichneten sich die deutschen Siedler als „südrussische Kolonisten“, was vor allem ihre ständische Verortung verriet. Vom russischen Staat wurden diese Siedler seit ihrer Ankunft in einen besonderen Stand erhoben:

„Als Kolonisten werden nur solche Ausländer anerkannt, die sich auf Kron-, Privat- oder auf als Eigentum erworbenen Ländereien als Landwirte oder als in der Landwirtschaft nötige Handwerker ansiedeln; keineswegs dürfen ihnen Ausländer zugezählt werden, die sich, einzeln oder mit Familie, zwecks Handel und Gewerbe oder zum Erwerb eines städtischen Standes niederlassen. Hinweis: Die Einladung von Ausländern zur Ansiedlung wurde 1819 endgültig eingestellt, doch wurde nachträglich zu verschiedenen Zeiten die Übersiedlung von Ausländern nach Russland genehmigt.“

(Aus dem „Gesetz über die Kolonien der Ausländer im Russischen Reich“, dem sogenannten  „Kolonialkodex“, 1857).

Eine Bescheinigung des „Verbandes der deutschen Kolonisten im Schwarzmeergebiet“, die dem bessarabischen Studenten Cristian Sawall am 14. September 1918 für sein weiteres Studium in Dorpat ausgestellt wurde.  ©Estnisches Nationalarchiv.
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Internationale Konferenz in Regensburg

Am 6. und 7. Oktober 2023 fand am Wissenschaftszentrum Ost- und Südosteuropa (WiOS) in Regensburg eine hochkarätig besetzte Konferenz mit dem Titel „Vertreibung und Erinnerung. Forschungsstand und Geschichtspolitik im östlichen Europa“ statt. Führende Wissenschaftler dieses Fachgebiets aus Deutschland, Polen, Tschechien, Slowakei, Rumänien, Kroatien, Ungarn und Estland waren vertreten. Sie haben zum einen die Ursachen, den Verlauf und die Folgen der Umsiedlung, Deportation oder der Vertreibung der Deutschen aus ihren Ländern geschildert. Zum anderen wurden die Geschichtsschreibung und gesellschaftliche Auseinandersetzungen in der Nachkriegszeit mit dem historischen und kulturellen Erbe der einstigen deutschen Einwohner thematisiert.

Organisiert hat diese Tagung die Forschungsstelle „Kultur und Erinnerung. Heimatvertriebene und Aussiedler in Bayern 1945–2020“, die auf Initiative von Sylvia Stierstorfer, der Beauftragten der Bayerischen Staatsregierung für Aussiedler und Vertriebene, für den Zeitraum von 2022 bis 2025 gefördert wird. Angesiedelt ist sie beim Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung in Regensburg und wird von Prof. Dr. Katrin Boeckh geleitet.

Unser wissenschaftlicher Mitarbeiter Dr. Viktor Krieger war Teilnehmer der Konferenz und referierte zum Thema: „Die Ausreisebewegung nach Deutschland im Spiegel der sowjetischen und postsowjetischen Historiographie“.

Das Programm zur Konferenz finden Sie hier:

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BKDR-Bildungsreise nach Georgien

Die diesjährige BKDR-Bildungsreise „Auf deutschen Spuren in Georgien“ führt die etwa 20 Teilnehmer nach Georgien in ein Land, in dem zu Beginn des 19. Jahrhunderts einige deutsche Siedlungen gegründet wurden und dort bis zur Deportation der deutschstämmigen Bevölkerung im Jahre 1941 existierten.

Die Gruppe der BKDR-Bildungsreise vor der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Tiflis.

Am ersten Tag erkundete die Reisegruppe die deutschen Spuren in der georgischen Stadt Tiflis (Tbilissi), besuchte dabei die offizielle Vertretung der deutschen Minderheit in Georgien („Einung“) und wurde von dem Präsidenten dieser Organisation, Alexander Feldmaier, sehr herzlich empfangen. Er stellte den Gästen die Arbeit seiner Vereinigung vor, die vornehmlich darin besteht, die deutsche Kultur und Sprache im Land weiterhin zu bewahren und zu fördern. Unsere BKDR-Mitarbeiter Prof. Dr. Olga Litzenberger und Artur Böpple übergaben der „Einung“ eine Reihe an Büchern, die im BKDR Verlag erschienen sind.

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Was davor geschah und danach: der 28. August 1941

Die geheimen Entscheidungen (Dokument des Monats)

Wichtige Erkenntnisse zur Vorgeschichte der Massendeportationen der sowjetdeutschen Bevölkerung fehlen uns leider immer noch, weil der Zugang zu den entsprechenden Archiven des Politbüros oder der Staatssicherheit (NKWD bzw. KGB) nach wie vor praktisch versperrt ist. Der Deportationserlass vom 28. August 1941 fiel, bildhaft gesagt, nicht vom Himmel herab.

Nach dem Angriff Hitler-Deutschlands auf die Sowjetunion nahm die Angst vor feindlichen Spionen und Fallschirmjägern geradezu hysterische Züge an, wodurch jeder deutschsprachige Sowjetbürger schnell unter den Verdacht geraten konnte, ein Gestapo- oder Abwehragent zu sein. Es folgten zahlreiche Verhaftungen von Emigranten und deutschen Sowjetbürgern in den ersten Wochen und Monaten des Krieges. Allein in den drei ukrainischen Gebieten Saporoschje, Stalino und Woroschilowgrad nahm der NKWD insgesamt 7.091 Deutsche fest.

Seite 1 des Beschlusses vom 26.08.1941

Die militärische Führung versuchte ihrerseits, ähnlich wie im Ersten Weltkrieg, ihr Versagen unter anderem durch die „verräterischen“ Aktivitäten der „einheimischen Deutschen“ in den frontnahen Gebieten zu erklären. Sie wurden pauschal als illoyale Bürger denunziert, ihre Ausweisung wurde gefordert. So begann etwa bereits am 15. August 1941, auf Betreiben des Rats für Evakuierungsangelegenheiten und des Kriegsrats der Südfront, die Zwangsaussiedlung von 53.000 Krim-Deutschen. Die Aktion wurde verschleiernd als „Evakuierung“ bezeichnet. Und am 24. August wurde Joseph Stalin von den Politbüro-Mitgliedern Andrei Schdanow, Wjatscheslaw Molotow und Georgi Malenkow über ihr Vorhaben informiert, 88.700 Finnen und 6.700 Deutsche aus dem Leningrader Gebiet auszuweisen.

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Neuer Dokumentensammelband von Dr. Alfred Eisfeld und Olga Eisfeld erschienen

Die Themen Deportation und Flucht gewannen im 21. Jahrhundert erneut an Aktualität und Bedeutung für Länder auf allen Kontinenten der Erde sowie für die internationale Forschung. Die Deportation der deutschen Bevölkerung in der UdSSR während des Zweiten Weltkrieges und ihre Auswirkungen auf die Bevölkerung in deren Nachbarschaft sowohl in den Wohnorten der Vorkriegszeit als auch in den Verbannungsorten ist bisher nur fragmentarisch erforscht. Vor der „Perestroika“ wurde darüber kaum geforscht, weil es schlichtweg keinen Zugang zu Archiven der kommunistischen Partei und der staatlichen Verwaltungsorgane gab. Wenn einzelne Dokumente für wissenschaftliche Publikationen freigegeben wurden, dann ohne jegliche Erwähnung von NKWD und der für Repressalien verantwortlichen Personen. Das jeweilige Dokument wurde bis zur Unkenntlichkeit verändert. Im vorliegenden Dokumentensammelband stellten die Herausgeber Dr. Alfred Eisfeld und Olga Eisfeld nun 210 Dokumente in der Originalsprache zusammen, darunter 133 aus den Beständen des Staatlichen Archivs der Russischen Föderation: diese wurden hier zum ersten Mal veröffentlicht. Weitere 73 Dokumente waren bereits in verschiedenen russischen Editionen enthalten. Die Dokumente sind in chronologischer Reihenfolge angeordnet. So ist die Dynamik der in verschiedenen Regionen der UdSSR stattgefundenen Ereignisse, deren Wechselwirkungen und die zeitliche Abfolge der Deportationsprozesse gut nachvollziehbar.

Buchtitel: Deportation der Deutschen aus dem europäischen Teil der Russischen Föderation 1941-1942, Dokumentensammlung (Депортация немцев из европейской части РСФСР 1941-1942, Сборник документов), hrsg. von Dr. Alfred Eisfeld und Olga Eisfeld, ISBN: 978-3-948589-44-8, 500 S., BKDR Verlag, Preis: 36,- EUR. Bestellbar unter Tel.: 0911-89219599 oder per eMail: kontakt@bkdr.de

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Erste russlanddeutsche Akademiker im Zarenreich (Folgen 24, 25 und 26)

Die Seibs, eine Pastorenfamilie

Im Rahmen unserer wissenschaftlichen Forschungsreihe „Erste russlanddeutsche Akademiker“ möchten wir einen bemerkenswerten Familienverband vorstellen. Der Küsterlehrer Valentin Seib aus Elisabethdorf im Kreis Mariupol übte seine schulischen sowie kirchlichen Aufgaben in verschiedenen Ortschaften im Schwarzmeergebiet aus. Unter seinem Einfluss entschieden sich drei seiner Söhne für den Pastorenberuf und studierten in Dorpat Theologie: Eduard (1872 – ?; nach 1936), Otto (1884–1953) und Woldemar (1889 – ?; nach 1935). Es war für die damalige Zeit höchst außergewöhnlich, dass aus einer bäuerlichen Kolonistenfamilie gleich drei Akademiker hervorgingen.

Ihr Berufsweg zeichnete sich durch eine aktive seelsorgerliche Tätigkeit sowie durch besondere Tragik aus, bedingt durch die antireligiöse Politik der bolschewistischen Partei. Eduard und Woldemar mussten die ganze Willkür der stalinistischen Gewaltherrschaft erleben und ihr Leben im Straflager bzw. in ihren Deportationsorten lassen. Die genauen Umstände ihres Todes sind bis heute unbekannt.

Auch Otto Seib wurde nach der bolschewistischen Machtergreifung 1917 schikaniert. Wie durch ein Wunder erlaubte ihm die kommunistische Regierung etliche Jahre später, nach Deutschland auszureisen. Es war eine der letzten Ausreisegenehmigungen, die der Sowjetstaat einem Pastor erteilte. Er verließ die UdSSR 1931 und konnte dadurch dem tragischen Schicksal seiner Brüder entkommen.

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Statistik des Monats „Juli“

Nachdem im vergangenen Monat die Arbeitsmarktbeteiligung erläutert wurde, möchten wir Ihnen in der Statistik des Monats „Juli“ im Zuge dessen die entsprechende „Stellung im Beruf von Erwerbstätigen im Alter von 25 bis unter 69 Jahren“ (Stand 2019) aufzeigen – unterteilt nach Migrationshintergrund und Geschlecht in die Bereiche „Arbeiter“, „Angestellte“, „Selbstständige“ und „Beamte“.

Dabei wird unter anderem ersichtlich, dass unter erwerbstätigen (Spät-)Aussiedlern im Alter von 25 Jahren bis unter 65 Jahren der Anteil der Arbeiter mit 36 Prozent überdurchschnittlich hoch ist. Dieser Wert ist deutlich höher als bei den Personen ohne Migrationshintergrund in der Bevölkerung (17 Prozent) und liegt auch leicht über demjenigen Wert, der den Personen mit Migrationserfahrung zugeteilt wird (33 Prozent). Zudem ist in allen Gruppen der Anteil an Männern deutlich höher als bei Frauen.

Bzgl. der Angestellten sind die Werte der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund mit 67 Prozent weitaus höher als gegenüber den anderen Gruppen der (Spät-)Aussiedler und den Personen mit Migrationserfahrungen mit 56 bzw. 55 Prozent. Hier ist in allen Gruppen ein hoher Frauenanteil zu erkennen.

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Ein Flugblatt aus dem Jahr 1990

Der Aufruf gegen die Wiederherstellung der Autonomen Sowjetischen Sozialistischen Republik der Wolgadeutschen (ASSRdWD)

Dokument des Monats

Ablichtung des Originals

Vor mehr als 30 Jahren wurde der letzte nennenswerte Versuch unternommen, die rechtswidrig aufgelöste wolgadeutsche autonome Republik wiederherzustellen. Die Geschichte dieses Scheiterns ist höchst lehrreich und hat an der Aktualität bis heute nicht eingebüßt. Die unveränderten Denk- und Handlungsweisen der föderalen und lokalen Machthaber in Russland blieben bis heute beinahe unverändert.

Als „Dokument des Monats“ möchten wir Ihnen ein typisches Flugblatt aus dieser Zeit vorstellen – ein lokal organisierter Aufruf „gegen die gewaltsame Wiederherstellung der autonomen Republik der Wolgadeutschen“. Als Urheber des Flugblatts zeichnet ein sogenanntes „Koordinationskomitee der Einwohner“ aus drei Kreisen des Gebiets Saratow, die bis 1941 administrativ der wolgadeutschen Republik angehörten: Marx (ehem. Kanton Marxstadt), Krasnoarmejsk (Balzer) und Sowjetsk (Mariental). Es muss zu Beginn des Jahres 1990 gedruckt worden sein, und zwar in der staatlich betriebenen Druckerei in Marx.

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