„Deutsche in Kasachstan: Eine wechselvolle Geschichte“

Am 28. und 29. November 2025 fand in den Räumlichkeiten des Instituts für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin das wissenschaftliche Symposium der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen in Kooperation mit dem Göttinger Arbeitskreis und in Zusammenarbeit mit der Botschaft der Republik Kasachstan statt. Die Veranstaltung stand unter dem Titel „Deutsche in Kasachstan: Eine wechselvolle Geschichte“.

Während der zweitägigen Tagung diskutierten namhafte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland und Kasachstan schwerpunktmäßig unterschiedliche Aspekte der politischen, sozioökonomischen und kulturellen Entwicklung der deutschen Minderheit in der zentralasiatischen Republik. Der Fokus lag auf der sowjetischen und postsowjetischen Epoche – beginnend mit dem Großen Terror der Jahre 1937/38 über die Deportationen und Zwangsarbeit während des Deutsch-Sowjetischen Krieges bis hin zur Perestroika sowie den gegenwärtigen Aktivitäten der gesellschaftlichen Organisationen dieser nationalen Gruppe.

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Dahingehend trugen auch unsere beiden wissenschaftlichen Mitarbeiter zum Programm bei. Dr. Olga Litzenberger widmete sich in ihrem Vortrag „Schule und Kindheit der deutschen Sondersiedler in Kasachstan (1940–1960er Jahre): Dokumente der Staatsarchive und Oral History“ den Lebensbedingungen der jüngsten Generation der Deportierten. Auf Grundlage von Archivquellen, Zeitzeugeninterviews und eigenen Forschungen schilderte sie, unter welchen Umständen die „Kinder der Deportation“ aufwuchsen, welche besonderen Herausforderungen die „Kinder der Sondersiedlung“ zu bewältigen hatten und wie sich die staatliche Politik gegenüber den „Kindern der Neulanderschließung“ wandelte. Im Zentrum des Beitrags standen zahlreiche von ihr durchgeführte Interviews, die Einblicke in Fragen der Sozialisation, des Erwachsenwerdens und in die Praxis der Kinderarbeit während der Erschließung des Neulands gaben. Der Vortrag beruhte auf den Ergebnissen eines kasachisch-deutschen Forschungsprojekts sowie auf Litzenbergers neueren Publikationen zur Geschichte der deportierten Deutschen.

Olga Litzenberger während Ihres Vortrags. Foto: Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen.

Dr. Viktor Krieger konzentrierte sich in seinem Vortrag „Dezemberunruhen 1986 in Almaty (Scheltoskan) und ihre Auswirkungen auf die deutsche Minderheit in Kasachstan“ auf die zweite Hälfte der 1980er Jahre, insbesondere auf die nationale Erhebung der kasachischen Jugend im Dezember 1986 (kasachisch: Scheltoksan – „Dezember“) und deren Auswirkungen auf die Perestroika sowie auf die Situation der „Sowjetbürger deutscher Nationalität“. Er betonte, dass die als „Schock von Alma-Ata“ bekannten Massenproteste nach der Absetzung des langjährigen Parteichefs Dinmuchammed Kunajew nach einem ähnlichen Muster verliefen wie die sogenannten „Zelinograder Ereignisse“ von 1979, bei denen die kasachische Bevölkerung gegen die geplante Errichtung eines Autonomen Deutschen Gebiets im Norden der Republik aufbegehrte.

Viktor Krieger während seines Vortrags. Foto: Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen.

Die nationalen Unruhen im Dezember 1986 in der damaligen Hauptstadt stellten einen wichtigen Einschnitt in der sowjetischen Nationalitätenpolitik dar. Für kurze Zeit – etwa bis Mitte 1989 – wirkte sich dies auch positiv auf die deutsche Minderheit aus, da KGB und lokale Propagandastrukturen ihre Aufmerksamkeit zunächst primär auf die Bekämpfung des „kasachischen Nationalismus“ richteten. Angesichts des zunehmenden Zerfalls der sowjetischen Gesellschaftsordnung, der gravierenden sozioökonomischen Krise und der schrittweisen Auflösung der UdSSR geriet die „innendeutsche Frage“ sowohl in Kasachstan als auch in anderen Unionsrepubliken und später unabhängigen Staaten nach 1991 jedoch zunehmend in den Hintergrund.