Ein ungewöhnlicher Brief aus Bessarabien von 1848
(Dokument des Monats)
Den uns vorliegenden Brief verfasste Johann Jakob Koch, ein verdienstvoller Schulmeister aus der deutsch-bessarabischen Siedlung Gnadental (bekannt auch als Gnadenthal), die 1830 von württembergischen Auswanderern gegründet worden war. Er ist der erste von insgesamt 17 Briefen, die Koch an seine einstige Ausbildungsstätte in Lichtenstern, Königreich Württemberg, zwischen 1848 und 1889 geschrieben hat. Das Briefkorpus bildet eine einzigartige Quelle zur Alltagsgeschichte der deutschen Ansiedler in Bessarabien und bezeugt eine jahrzehntelang bestehende Verbindung zwischen dem Ursprungsland Württemberg und den Emigranten in Russland. In dieser Hinsicht unterscheiden sich die im Schwarzmeergebiet angesiedelten Kolonisten von jenen, die 40 bis 60 Jahre zuvor an die Wolga gekommen waren. Die Wolgadeutschen pflegten anfangs kaum Kontakte zu ihrer alten Heimat, was vor allem an unterschiedlichen Auswanderungs- und Ansiedlungsverläufen lag.
Das Interessante an dem Brief vom 18. März 1848 ist die Erwähnung einer Geldsumme von 10 Silberrubeln, die die Gnadentaler Gemeinde an die Lichtensterner Anstalt angesichts der Hungersnot in Deutschland (1846/47) spendete. Bekannt ist ferner, dass für diese Bildungsanstalt in der gleichen Zeit eine „Liebesgabe von 317 Rubel“ aus der Kolonie Neuhoffnung eingegangen ist, die von württembergischen Chiliasten in der Nähe von Berdjansk im Jahre 1822 gegründet wurde. Dieser Sachverhalt ist bemerkenswert, weil man sonst üblicherweise, wenn von einer Hungersnot die Rede ist, zuerst an das Russische Reich sowie die Sowjetunion bzw. an die Hilfeleistungen aus Deutschland denkt – etwa für die Wolgadeutschen in den 1920- oder 1930er-Jahren. Dass es in der Vergangenheit auch anders war, ist bislang wenig bekannt.

Doch wer war eigentlich Johann Jakob Koch? Er wurde in Nagold, Württemberg, in ärmeren Verhältnissen geboren und trat 1840 in die Armenschullehreranstalt Lichtenstern bei Löwenstein in der Nähe von Heilbronn ein. Als im Sommer 1845 aus deutsch-bessarabischen Siedlungen eine Anfrage in Bezug auf Lehrer in der Bildungsanstalt eingegangen war, entschloss sich J. Jakob Koch als „frischgebackener“ Absolvent, zusammen mit drei früheren Kommilitonen nach Russland zu ziehen. Von 1846 bis 1888 war er als Küsterlehrer in Gnadental tätig; erst am 15. August 1856 reichte er ein Gesuch um Verzicht des Bürgerrechts in der Heimatgemeinde Nagold sowie um Verzicht des Staatsbürgerrechts (Untertanenschaft) im Königreich Württemberg ein. Einige Wochen später, am 29. September, bestätigte eine Urkunde der Stadt Nagold diesen Entschluss. Es vergingen allerdings einige Jahre, bevor Koch zum 1. Januar 1862 in den „Kolonistenstand“ der Siedlung Gnadental aufgenommen wurde.
Koch heiratete im Oktober 1846 Anna Barbara Höschele aus Großliebental; das Paar bekam zehn Kinder. Schulmeister Koch legte großen Wert auf die Ausbildung seiner Kinder: Zwei Söhne, Georg Friedrich (geboren 1857) und Gottlob (1861), studierten Theologie in Dorpat und wurden Pastoren. Drei weitere Söhne, Johann Jakob jun. (1847), Immanuel (1854) und Wilhelm (1866), absolvierten das Lehrerbildungsseminar in Sarata (Wernerschule) und dienten später als Küsterlehrer und Dorfschreiber. Auch deren Sohn Christian Gottlieb Koch (1849), langjähriger Gemeindeschreiber in Gnadental, setzte die Familientradition fort.
Vier Söhne gingen zum Studium nach Dorpat und erlangten akademische Berufe: Immanuel Koch (1887–1942) studierte Medizin und machte anschließend als Chirurg und Professor an der medizinischen Hochschule in Odessa Karriere. Nach dem Studium der Theologie dienten Albert Koch (1888–1937) und Rudolf Koch (1892–1962) als Pfarrer im Raum Odessa bzw. in bessarabischen Gemeinden; Friedrich Koch (1890–1953) ließ sich zum Juristen ausbilden.
Für die Bereitstellung des Originals und die Transkription des Briefes danken wir ausdrücklich Herrn Dr. Helmut Arnold aus Korntal-Münchingen.
Hier können Sie den Brief in Originalschrift herunterladen.
Nachfolgend stellen wir Ihnen die Transkription des Briefes zur Verfügung:
Weiterführende Literatur
- Arnold, Helmut: Von Nagold über Lichtenstern nach Gnadental/Bessarabien. Aus den Briefen des Küsterlehrers Johann Jakob Koch (1817-1893), aus: Einst und Heute. Historisches Jahrbuch für den Landkreis Calw. Ausgabe 2017/2018. Bad Wildbad 2017, S. 117–132.
- Zurkan, Woldemar: Johann Jakob Koch: Auswandererschicksal eines Lichtensterners. Die gegenseitige Verbindung Mutterland ‒ Kolonisten. Kornwestheim [1988].
