Verfälschungen in den Rehabilitierungsverfahren der Chruschtschow-Ära
(Dokument des Monats)
Das Schicksal des letzten Pfarrers der St.-Paul-Kirche in Odessa, Karl Vogel (1896–1937), war typisch für die Zeit vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges: Nach dem Abschluss des evangelisch-lutherischen Predigerseminars in Leningrad (1932) diente er eine Zeitlang als Seelsorger in Hoffnungstal und ab 1933 in Odessa. Nach fadenscheinigen Vorwürfen, eine Spionageverbindung zu einem ausländischen Konsulat zu unterhalten und eine organisierte konterrevolutionäre, faschistische Propaganda unter seinen Gemeindemitgliedern zu betreiben, wurde Pastor Vogel am 4. Juli 1937 verhaftet und nur wenige Monate später, am 27. Oktober, erschossen.

Seine archivierte Untersuchungsakte enthält u. a. einige sehr aussagekräftige Dokumente, die anschaulich zeigen, wie das KGB – selbstverständlich mit Billigung der Partei- und Staatsführung – ab Mitte der 1950er-Jahre systematisch die Todesumstände der nach dem Krieg rehabilitierten Personen verfälscht hat. Um das Ausmaß des Terrors vor allem in den 1930er-Jahren zu verschleiern, verfügte eine streng geheime KGB-Direktive vom 24. August 1955 [auf Russisch], dass der Todestag eines zum Erschießen Verurteilten auf ein beliebiges Datum zwischen Beginn der Inhaftierung und den folgenden zehn Jahren festzulegen sei und eine erfundene Todesursache anzugeben sei. Diese falschen Informationen wurden dann weitergegeben, wenn Familienangehörige die Ausstellung einer Sterbeurkunde beantragten. Erst 1963 wurde diese Praxis beendet; die davor erteilten falsifizierten Auskünfte blieben davon unberührt [KGB-Instruktion vom 21. Februar 1963 auf Russisch].
Untenstehend finden Sie eine dokumentarische Zusammenstellung aus der Untersuchungsakte Karl Vogels (siehe das PDF unten nach diesem Beitrag).
Auf der ersten Seite befindet sich das Schreiben des Vertreters des Verbandes der sowjetischen Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften (SOKK und KP) der UdSSR vom 5. Juni 1956 an die 1. Sonderabteilung des Innenministeriums der UdSSR. Es handelt sich um eine Anfrage des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) an das Exekutivkomitee des SOKK und KP der Sowjetunion mit der Bitte, das genaue Sterbedatum von Pastor Karl Vogel mitzuteilen. Das Innenministerium kontaktierte daraufhin das KGB mit der Bitte, die Ursachen und den Todestag von Pastor Vogel festzulegen. Gleichzeitig teilt die 1. Sonderabteilung des Innenministeriums ganz ungeniert mit, dass der Betroffene am 4. Juli 1937 verhaftet und durch den Beschluss des NKWD und der Staatsanwaltschaft der UdSSR am 27. Oktober desselben Jahres erschossen wurde (siehe Seite 2). Die zentrale Registratur- und Archivabteilung des KGB in Moskau leitete am 17. August diese Anweisung an die unterstellte Abteilung in Odessa weiter, damit diese – entsprechend der Verordnung vom 24. August 1955 – für Karl Vogel einen erfundenen Todestag und falsche Umstände seines Todes festlegte und dies im örtlichen Register erfasste (Seite 3).
Der bürokratische Behördenweg setzte sich fort: Als nächster Schritt folgte (Seite 4) der Brief der Gebietsverwaltung des KGB Odessa vom 24. August an den Leiter der Polizei- bzw. Milizbehörde des Innenministeriums von Odessa. Das Schreiben enthielt eine unmissverständliche Anweisung, falsifizierte Angaben zum Ableben von Karl Vogel standesamtlich erfassen zu lassen, und zwar dahingehend, dass er vermeintlich während der Abbüßung seiner Strafe im Lager am 10. Februar 1943 an einer schweren Lungenentzündung gestorben sei. Letztendlich hatte man nun mit der Sterbeurkunde vom 20. September 1956 (Seite 5) das gewünschte amtlich beglaubigte Ergebnis.
Zum Schluss berichtete der Odessaer Staatssicherheitsbehörde einige Tage später an die Moskauer KGB-Zentrale, dass alles erledigt sei und Vogels Todestag sowie dessen Umstände im örtlichen Standesamt offiziell erfasst wurden (Seite 6). Die gefälschten Angaben wurden an die westdeutsche Seite übermittelt und gelten hier bis heute als gesicherte Amtsauskunft; siehe etwa auf Seite 7 den Beitrag über Karl Vogel im Nachschlagewerk des renommierten Osteuropaforschers Erik Amburger oder den aktuellen deutschsprachigen Beitrag auf Wikipedia über die evangelische St.-Paul-Kirche in Odessa. In den russisch- und ukrainschsprachigen historischen Publikationen werden die tatsächlichen Umstände sowie das korrekte Todesdatum des letzten ev. Gemeindepfarrers von Odessa vor dem Zweiten Weltkrieg bereits seit Anfang der 2000er-Jahre angegeben.
Auszüge aus der Akte „Karl Vogel“ als PDF (© Archiv der Verwaltung des Sicherheitsdienstes der Ukraine im Gebiet Odessa – AU SBU OO):