Eröffnungsrede des ersten Direktors der Halbstädter Kommerzschule, Peter Wiens

(Dokument des Monats)

Die Halbstädter Kommerzschule des Mennonitischen Bildungsvereins war eine moderne Bildungseinrichtung der deutschen Siedler im Schwarzmeergebiet. Über diese Mittelschule haben wir bereits einmal berichtet (siehe hier … ) Ihr erster Direktor, Peter Wiens, hat bei der feierlichen Eröffnung der Schule am 21. Oktober 1909 in Halbstadt, Gouvernement Taurien, eine aufsehenerregende Eröffnungsrede gehalten, die in der Zeitung „Friedensstimme“, Nr. 44 vom 31. Oktober 1909, S. 5-7, abgedruckt wurde:

Ausschnitt aus der Zeitung „Friedensstimme, Nr. 44, 1909.

Neben einigen konkreten Details zu dem Lehrbetrieb und so manch einigen historischen Exkursen in Bezug auf die Anfänge und Entwicklungen des europäischen Handelsschulwesens ging der Direktor auf die damals aktuellen, allgemeinen Fragen der Bildung ein:

Unter Bildung versteht man im allgemeinen den geistigen Zustand als Ergebnis des Bildens durch Unterrichten und Erziehen. Beide Seiten halten wir gleich hoch und wichtig… Die Bildung, die wir unseren Schülern geben wollen, soll nicht einseitig, sondern ein harmonisches Ganzes sein, indem wir vor Verbildung und Halbbildung zu bewahren suchen durch Ausbildung des Verstandes, des Gefühls und des Willens.

Zum Bildungskanon gehörte nach Wiens neben Gesang und Musik „wahre Frömmigkeit, echte Vaterlandsliebe, feste Sittlichkeit und tüchtige Geistesbildung“. Bewegungsspiele und Gymnastik sollten dazu dienen, den Körper zu stärken. Ferner ging er auf den oft vorgebrachten Einwand ein, dass eine Realschule oder sogar ein klassisches Gymnasium doch etwas Besseres wären. Seiner Meinung nach entsprach der Typus einer Handelsschule und des von ihr vermittelten Wissens den Bedürfnissen der meisten aufstrebenden deutschen Ansiedlern im Russischen Reich. Die kurze, jedoch durchaus erfolgreiche Geschichte der Halbstädter Kommerzschule bestätigte später seine These. [1]

Aber wer war eigentlich dieser erste Direktor der Kommerzschule? Peter Johann Wiens (Петр Иванович Винс, 1860 – 1919) wurde in einer mennonitischen Familie in Alexandertal, Kreis Berdjansk, geboren. Er absolvierte die Gnadenfelder Zentralschule, arbeitete zwei Jahre als Kaufmann, erwarb danach am Gymnasium in Berdjansk ein Reifezeugnis und entschloss sich, Mathematik an den Universitäten Charkow (1881–1882) und Dorpat (1882–1886) zu studieren. Nach dem Studienabschluss unterrichtete P. Wiens einige Jahre an der Zentralschule in Orlow (Ohrloff), Mennonitenbezirk Molotschansk.

Aufgrund gesundheitlicher Probleme musste er die Zentralschule verlassen, betätigte sich hauptsächlich im Handel und lebte längere Zeit in Jekaterinoslaw (seit 1926 Dnepropetrowsk) und in Altonau. Seine akademische Bildung sowie Kaufmannserfahrungen waren mit Sicherheit ausschlaggebend für seine Wahl zum Direktor der neugegründeten Kommerzschule. Wiens amtierte allerdings nur kurze Zeit, etwa zwei Jahre. Immerhin blieb er als Direktor und Mathematiklehrer in guter Erinnerung bei seinen ehemaligen Schülern. Die ersten Absolventen der Kommerzschule bedankten sich 1913 in einer an ihn persönlich gerichteten Zeitungsannonce beim „teuren Peter Iwanowitsch“. Nämlich dafür „dass [wir] das Glück hatten, mit Ihnen zusammen zu sein und jenes Bemühen, das Sie bewiesen im Streben, unsere ersten unerfahrenen Schritte auf dem Wege zum Lichte der Erkenntnis zu leiten.“ Sein Leben fand ein tragisches Ende während des russischen Bürgerkriegs: Nach Angaben seiner Tochter Else wurde Peter Wiens 1919 in Melitopol erschossen.

[1] Abschlüsse von Handelsschulen gewährten das Recht zur Zulassung zum Studium an Hochschulen verschiedener Fachrichtungen. Gemäß dem Erlass des russ. Ministers für Volksbildung vom 4. November 1915 bekamen die Absolventen der Kommerzschule Halbstadt zusätzlich das Recht, an Universitäten immatrikuliert zu werden, sobald sie eine Prüfung in Latein auf dem Niveau der achten Klasse eines Gymnasiums bestanden haben.

Lesen Sie nachfolgend die Rede von Peter Wiens in der Zeitung „Friedenstimme“, Nr. 44, 1909: