Herbord Steinwand: ein russlanddeutscher Akademiker im Internierungslager Hammelburg (1947)
(Dokument des Monats)
Der Name sowie die Verdienste des Bibliothekars und Archäologen Herbord (Herbert) Steinwand (1896‒1966) aus Odessa wurden von der ukrainischen Geschichtswissenschaft nach 1991 wieder ans Licht befördert. Vor allem ist dabei seine fundierte und bis heute hochgeschätzte Beschreibung aller periodischen Veröffentlichungen zu nennen, die in Odessa in den Jahren der russischen Revolution 1917 sowie des Bürgerkriegs (1917-1921) erschienen waren.

Herbord Steinwand wurde in der Familie des einst hochangesehenen Pastors Daniel Steinwand (1857–1919) geboren, der aus der Kolonie Klöstitz in Bessarabien stammte. Vier Söhne des Pastors erlangten Hochschulabschlüsse, zwei Töchter von ihm heirateten ev.-luth. Pfarrer.
Herbord Steinwand studierte an der Universität und anschließend am Institut für Volksaufklärung in Odessa und schlug ferner eine akademische Laufbahn ein. Einige Jahre war er als Abteilungsleiter an der Universitätsbibliothek und später etliche Jahre als Leiter des Münzkabinetts am Archäologischen Museum Odessa tätig. Während der zunehmenden Verfolgung der deutschen Intellektuellen in der UdSSR wurde er am 28. Dezember 1933 von der GPU verhaftet und am 26. Februar 1934 aufgrund vermeintlicher konterrevolutionärer Tätigkeit zu fünf Jahren Lagerhaft verurteilt. Im Lager Uchto-Ischemski, Komi ASSR, wurde er 1938 erneut angeklagt, diesmal wegen konterrevolutionärer Propaganda unter Häftlingen. Im Rahmen der Untersuchungshaft erwiesen sich die Beschuldigungen als unbegründet, und Steinwand wurde schließlich wegen mangelnder Beweise am 31. Oktober 1939 aus der Lagerhaft entlassen.
Zurück in Odessa nahm er die Tätigkeit am archäologischen Museum wieder auf. Allerdings endete seine Spur mit dem Beginn des Deutsch-Sowjetischen Krieges; weitere Lebens- und Berufsstationen von ihm blieben lange im Dunkeln. Gelegentlich haben einige Autoren vage darauf hingewiesen, dass Steinwand in der besetzten Stadt blieb – ohne nähere Angaben zu machen, womit er sich dort während der deutschen Besatzung beschäftigte – und 1944 als „Volksdeutscher“ aus Odessa fliehen musste (WIKI-Eintrag auf Ukrainisch).
Der vor Kurzem entdeckte Lebenslauf, den Steinwand eigenhändig am 18. April 1947 auf vier Seiten niedergeschrieben hat, legt weitere Einzelheiten aus seinem Leben vor und nach dem Kriegsausbruch offen (s. das PDF weiter unten). Aus diesem Dokument geht unter anderem hervor, dass H. Steinwand im Februar 1942 nach Deutschland reiste, um „in meinem Fache an der Preußischen Akademie der Wissenschaften“ (so im Lebenslauf) eine Arbeitsstelle anzutreten, jedoch in Berlin als Briefzensor dienstverpflichtet wurde, weil er neben Deutsch auch Russisch sowie Ukrainisch beherrschte.
Nach der deutschen Niederlage im Krieg verhaftete ihn die amerikanische Besatzungsmacht im Juli 1945 und steckte ihn ins Internierungslager Hammelburg. Obwohl der Archäologe weder Mitglied der NSDAP noch deren Gliederungen war, musste er zwei Jahre im Lager verbringen. Erst am 17. Juli 1947 wurde er freigelassen. Zunächst hielt er sich in dem ihm zugewiesenen Ort Schwäbisch Hall auf. Es dauerte noch etliche Monate, bis die Spruchkammer Schwäbisch Hall das Verfahren gegen ihn am 25. Februar 1948 einstellte, „da der Betroffene überhaupt nicht belastet“ sei. Steinwand zog Anfang 1950 nach Düsseldorf um, wo er gemeinsam mit seiner Ehefrau bis zu seinem Tod am 8. Juni 1966 lebte.
Der handgeschriebene Lebenslauf Herbord Steinwands sowie weitere Details aus seinem Leben in der Nachkriegszeit wurden der Spruchkammerakte entnommen, die im Zuge der Entnazifizierungsverfahrens angelegt und indessen im Auftrag des BKDR digitalisiert worden ist. Vollständig kann sie über die Internetseite des Landesarchivs Baden-Württemberg, Staatsarchiv Ludwigsburg, abgerufen werden.
Der handgeschriebene Lebenslauf von Herbord Steinwand kann im Folgenden als PDF abgerufen werden:
