Fachtagung „Planer-Kolonien bei Mariupol“

Die Fachtagung „Planer-Kolonien bei Mariupol“ fand vom 25. bis 26. Juli 2026 in den Räumen des Bayerischen Kulturzentrums der Deutschen aus Russland (BKDR) in Nürnberg statt.

Veranstaltet wurde die internationale Tagung in Kooperation zwischen dem BKDR und der Forschungsgruppe „Planer-Kolonien bei Mariupol“, gefördert durch das Bayerische Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales.

— Eröffnung und internationale Ausrichtung —

Zur Veranstaltung reisten 40 Tagungsteilnehmende vor Ort an – darunter nicht nur Gäste aus Deutschland, sondern auch aus dem Ausland wie aus London, Spanien und Kanada. Zudem waren rund 30 Personen digital per Zoom zugeschaltet.

Die Tagungsleitung und Moderation übernahm Peter Aifeld, Initiator der Tagung sowie Mitbegründer der Forschungsgruppe. Der Anlass und Auslöser für die Organisation des Treffens war der Besuch von Kyle Sattler aus Kanada. Die technische Betreuung der hybriden Tagung sowie die Fotografie lagen in den Händen von Waldemar Michel.

Zu Beginn der Veranstaltung wurde ein Videobeitrag über die Arbeit des Kulturzentrums BKDR vorgeführt. Im Rahmen der Tagung wurden den Anwesenden Veröffentlichungen der Partner-Gruppe Taurien e.V. sowie Publikationen des BKDR-Verlages präsentiert.

Die Teilnehmenden erhielten dabei Einblicke in die Arbeit der beteiligten Einrichtungen und nutzten die Gelegenheit, sich über aktuelle Forschungsprojekte und Neuerscheinungen zu informieren.

Ein besonderes Highlight der digitalen Zuschaltung war die Teilnahme des 105-jährigen Thomas Schelinski, der der Tagung per Video zugeschaltet war.

— Fachprogramm und historische Erforschung —

Das anspruchsvolle und durchstrukturierte Programm folgte bei den Fachbeiträgen einem festen Schema von jeweils 40 Minuten Vortrag und 20 Minuten Diskussion. Nach der Begrüßung, einer Kennenlernrunde und der Präsentation des BKDR eröffnete der Tagungsleiter Peter Aifeld das Vortragsprogramm mit seinem Referat „Die katholischen Planer-Kolonien bei Mariupol (1823 bis 1943)“. Darin zeichnete er die Entstehung der vor acht Jahren auf Facebook gegründeten und mittlerweile über 1.500 Mitglieder zählenden Bürgerforschungsgemeinschaft nach. Er beleuchtete den historischen Bogen von der Auswanderung aus Westpreußen ab 1818, dem bürokratischen Kompromiss des „Preußen-Plans“ und der Gründung der sechs Stammkolonien im Jahr 1823 über das geistige Zentrum im Kirchspiel Eichwald bis hin zur Aufhebung des Kolonistenstatuts 1871, der Entstehung von Tochterkolonien, dem stalinistischen Terror und der Flucht im Treck im September 1943. Zudem präsentierte er beeindruckende Forschungserfolge wie die Digitalisierung und Transkription von über 81.000 historischen Matrikeleinträgen.

Anschließend sprach Kyle Sattler in seinem ersten Vortrag über das Thema „Der Große Terror – 15 Jahre der Unterdrückung in den Planer-Kolonien 1930–1945“ und widmete sich damit den sowjetischen Repressionen sowie der Entkulakisierung.

Nach der Mittagspause behandelte Sergej Stambur, einer der Geflüchteten aus der durch den Krieg zerstörten Stadt Mariupol, in seinem Beitrag „Der deutsche Wald in der Steppe der Ukraine“ die Aufforstung und den mennonitischen Wehrersatzdienst (Forstdienst).

Den Abschluss des ersten Tages bildete die BKDR-Stadtführung „Russlanddeutsche Spuren in Nürnberg“.

— Zweiter Tagungstag und Ausblick —

Der zweite Tagungstag begann mit dem Beitrag von Lena Wolf, die eigens aus London angereist war. Unter dem Titel „Möge die Welt dein Zuhause sein!: Eine deutsche Geschichte aus Kasachstan“ stellte sie ihre mehrsprachige Graphic Novel vor und beleuchtete die persönliche Ebene der Zwangsumsiedlungen von 1941.

Daraufhin vertiefte Kyle Sattler in seinem zweiten Vortrag die weltweiten Migrationsströme über ein ganzes Jahrhundert unter dem Thema „Die Planer-Kolonien und ein Jahrhundert der Migration“.

Natalia Freudenberg demonstrierte in ihrer Fallstudie am Beispiel des Visitationsprotokolls der Pfarrei Eichwald von 1831, wie modernste Datenbanken und IT-Methoden neue Zugänge zu historischen Archivdokumenten ermöglichen.

Am Nachmittag referierte Elena Logvenov (Vorstandsmitglied der Forschungsgruppe Taurien e.V.) über die Biografie von Johanna Kludt und das Leben einer Pfarrfrau im Russischen Reich über vier Jahrzehnte hinweg.

Die Fachtagung schloss nach einer gemeinsamen Synthese, einem Forschungsausblick von Peter Aifeld und Kyle Sattler sowie einer offenen Publikumsdiskussion.

— Kulinarik und geselliger Austausch —

Während der gesamten Tagung standen kulinarische Highlights im Mittelpunkt, die von den Teilnehmenden selbst mitgebracht wurden. Der abendliche Ausklang des ersten Veranstaltungstages fand im Tucher-Bräu am Opernhaus statt, wo die Anwesenden den Tag bei fränkischer Küche und einem regen, abwechslungsreichen Austausch in geselliger Runde beschlossen.