Das Schicksal eines wolgadeutschen Intellektuellen: Die letzten Lebensjahre von Peter Sinner

20. November 1938. Es ist nun amtlich: An diesem Tag wurde der feinfühlende Lyriker, scharfsinnige Publizist, begnadete Pädagoge und hochbegabte Heimat- und Volkskundler Peter Sinner (1879–1938) im NKWD-Gefängnis der Stadt Woronesch erschossen. Seine letzten Lebensjahre lagen bislang völlig im Dunkeln. Bekanntlich wurde Sinner im Zuge der Verfolgung der wolgadeutschen Intellektuellen am 14. August 1930 in Leningrad (seit 1991: St. Petersburg) verhaftet und nach Saratow überführt; in dieser Stadt hatte er bis 1927 als Schul- und Hochschullehrer gewirkt. Aufgrund vermeintlicher „antisowjetischer nationalistischer Tätigkeit“ beschloss das Sonderkollegium der OGPU am 1. Februar 1932, ihn für drei Jahre in ein Konzentrationslager einzusperren. Danach verlor sich seine Spur.
Man vermutete, dass Peter Sinner dem stalinistischen Terror der 1930er-Jahre zum Opfer gefallen war. Doch in keiner der zahlreichen bereits existierenden Opferlisten tauchte sein Name auf. Meine jahrelangen Bemühungen um die Aufklärung seines Schicksals und seiner letzten Lebensjahre blieben erfolglos. Erst ein Eintrag aus dem Jahr 1940 im Lebenslauf seines bereits verstorbenen Sohnes Erwin Sinner (1912–1987), eines bekannten Historikers aus Irkutsk, ließ die Hoffnung aufkeimen, dass die letzten Spuren von Peter Sinner doch noch auffindbar wären. Im Lebenslauf findet sich der Hinweis, dass P. Sinner 1938 zu 15 Jahren Lagerhaft verurteilt worden sei und seine Frau Kamilla Sinner, geb. Riedel, in Woronesch als Lektorin an der örtlichen Pädagogischen Hochschule arbeitete.
Und nun vor Kurzem stellte sich der langersehnte Erfolg ein: Mit Hilfe von Alexander Makeew, eines Mitarbeiters des Bayerischen Kulturzentrums der Deutschen aus Russland, gelang es uns, Einsicht in die Strafakte von Peter Sinner aus dem Jahr 1938 zu bekommen, die sich in einem Regionalarchiv in Woronesch (Russland) befindet.
Mit den neuen Informationen aus dieser Akte konnte der letzte Lebensabschnitt dieser markanten Persönlichkeit rekonstruiert werden: Nach der Lagerhaft war Peter Sinner am 14. August 1933 (nach Anrechnung der Zeit ab dem Verhaftungstag) nach Leningrad zurückgekehrt und hatte vergeblich versucht, dort beruflich wieder Fuß zu fassen. Trotz monatelanger Bemühungen hatte er keinen neuen Ausweis erhalten und folglich keine Wohnsitzanmeldung. Offenbar wollte auch niemand jemanden anstellen, der nach § 58 des Strafgesetzbuchs der RSFSR verurteilt worden war, weil es sich bei diesem Paragrafen um politisch motivierte Urteile handelte.
Folglich musste der empfindsame Lyriker und passionierte Heimatforscher die Stadt und seine Familie verlassen. Nach langem Suchen fand er im Frühling 1934 in der Filiale der Leningrader regionalen landwirtschaftlichen Versuchsanstalt in der Nähe der Stadt Nowgorod eine Anstellung als Experte für Obstanbau. Nebenberuflich arbeitete Sinner an der örtlichen Mittelschule als Deutschlehrer. Im Frühling 1935 passierte ihm ein weiteres Unglück: Er geriet während einer Dienstreise, vermutlich bei der Überquerung eines Flusses bzw. Kanals, unter Eis, zog sich ein akutes Gelenkrheuma sowie ein Herzleiden zu und musste mehrere Monate das Krankenbett hüten.
Die Ärzte rieten ihm, das Klima zu wechseln; deshalb kam er Anfang Januar 1936 – soweit ersichtlich, zusammen mit seiner Ehefrau Kamilla – nach Woronesch, wo es eine Universität und mehrere Hochschulen gab. Ähnlich wie in Leningrad konnte er dort längere Zeit keine feste Anstellung als Lektor oder Dozent finden und schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten durch, u. a. mit Übersetzungsaufträgen. Ferner gab er Privatunterricht für Studierende und Doktoranden, die sich auf Prüfungen im Fach Deutsch vorbereiteten. Im Winter 1936 begann Sinner, an der Hochschule für Medizin Latein und Deutsch zu unterrichten. Doch schon nach einigen Monaten, im August 1937, musste er diese Anstellung aufgrund der früheren politischen Strafsache kündigen.
Schließlich setzte er sich mit dem Volkskommissariat für Aufklärung (Ministerium für Bildung) in Verbindung und bat um eine Verwendung. Man schickte Peter Sinner nach Swerdlowsk (heute: Jekaterinburg), und er begann, Ende 1937 an der dortigen Pädagogischen Hochschule und am Lehrerinstitut für Fremdsprachen Deutsch zu unterrichten. Anfang Juli 1938 besuchte er Woronesch, mit dem Ziel, seine Frau Kamilla nach Swerdlowsk mitzunehmen. Doch hier wurde er am 10. Juli verhaftet.

Die Haftbegründung vom 10. Juni 1938 war noch absurder als die, die er bei seiner Verurteilung im Jahr 1930 vorgelegt bekommen hatte. Diesmal warf man ihm vor, dass er angeblich von Mitgliedern „des deutschen nationalistischen Zentrums in Leningrad“ geworben worden wäre und „für Diversions- und terroristische Arbeit auf dem Territorium der UdSSR“ eingesetzt werden sollte. Konkret handelten es sich bei seinen Auftraggebern um die „leitende Person“ des „Leningrader Zentrums“ Erich Kleinenberg (1878–1939) und die „Verbindungsmänner“ Alexander Wulfius (1880–1941) sowie Arthur Brock (1867–1940) – allesamt wohlverdiente Pädagogen und Sprachwissenschaftler, Professoren und Dozenten an renommierten Hochschulen Leningrads.
Für die Feststellung seiner Schuld genügte nur ein einziges Verhör am 27. Juli und einige kurze Auszüge aus den Vernehmungsprotokollen zu Kleinenberg und Brock, die als Beweis für die Existenz einer „Filiale des nationalistischen Zentrums“ in Woronesch ausreichen sollten. Weder wurden weitere Zeugen vernommen noch kamen andere Mitglieder der vermeintlichen „Filiale“ zu Wort. Als Beweise dienten zudem mehrere unter Druck gemachten Selbstbezichtigungen des Angeklagten, die der Strafakte beiliegen. Das Ganze trug eindeutig den Charakter eines künstlich konstruierten Prozesses.
Am 26. Oktober 1938 beschloss das außergerichtliche Organ, die Troika (Dreierausschuss) der NKWD-Vertretung im Gebiet Woronesch, Peter Sinner für die „Mitgliedschaft in einer faschistischen Spionageorganisation“ zu erschießen. Einige Wochen später, am 20. November, wurde dieses völlig willkürliche Urteil vollstreckt.
Auf diese tragische Weise kam also dieser wolgadeutsche Intellektuelle ums Leben. Seine „Komplizen“ ließen ihr Leben ebenfalls infolge der Urteile durch die staatliche Gewalt: entweder im Gefängniskrankenhaus in Leningrad (Kleinenberg), im Straflager in der Komi ASSR (Wulfius) oder in der Verbannung in Alma-Ata (Brock). In den 1930er-Jahren wurde Sinner systematisch verfolgt, gedemütigt und letztendlich zum Schweigen gebracht. Über sein künstlerisches und publizistisches Wirken in dieser Phase ist bislang nichts bekannt. Bei einer Durchsuchung seiner Wohnung am 11. Juli 1938 wurde ein Notizbuch, ca. 140 Briefe und Postkarten sowie eine Familienchronik konfisziert, die nach Sinners Erschießung offenbar vernichtet wurden. Es bleibt nur zu hoffen, dass dem nicht so war, und dass wir in Zukunft weitere Überraschungsfunde erleben.
Dr. Viktor Krieger, Nürnberg.
Bildnachweis:
- Bild 1: Haftfoto aus dem Jahr 1930. Aus: Staatliches Historisches Archiv der Wolgadeutschen zu Engels.
- Bild 2: Der Ausweis bestätigt, dass P. Sinner im Jahr 1936 Mitglied der Gewerkschaft für Beschäftigte an Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen wurde. Der abgebildete Gewerkschaftsausweis wurde am 23. Juni 1937 vom Betriebsgewerkschaftskomitee des Medizinischen Instituts in Woronesch ausgestellt. Aus: Staatsarchiv der gesellschafts-politischen Geschichte, Gebiet Woronesch.
- Bild 3: Bestätigung der Urlaubszeit. Aus: Staatsarchiv der gesellschafts-politischen Geschichte, Gebiet Woronesch.
