Eine Reise in die Vergangenheit …

Persönlicher Bericht von Ida Haag über die BKDR-Bildungsreise (2026) nach Kasachstan.

Karaganda – Maikuduk – Berlin: So hieß der Teil der kasachischen Stadt Karaganda, in dem ich als achtes Kind einer deutschen Familie geboren wurde. Die Reise von Ingolstadt dorthin war für mich weit mehr als eine gewöhnliche Reise. Sie war eine Begegnung mit meiner Vergangenheit, mit meinen Wurzeln und mit vielen Menschen, die mein Leben geprägt haben.1962 lebte unsere zwölfköpfige Familie in einer kleinen Semljanka, einer einfachen Erdhütte. Nach und nach entstand auf demselben Grundstück unser eigenes Haus – mit vier Zimmern, einer Küche, einem Abstellraum und einem kleinen Keller. Später kamen ein Stall und ein Schuppen hinzu, denn wir hielten einige Hühner und zwei Schweine, um unsere Familie zu versorgen. Meine Eltern waren tiefgläubige Katholiken und erzogen uns Kinder in diesem Glauben. In der damaligen Sowjetunion war das nicht selbstverständlich. Die Gottesdienste wurden heimlich von Haus zu Haus abgehalten, damit sie von den Behörden unbemerkt blieben.

(c) Privatarchiv von Ida Haag.

Ich erinnere mich noch gut an Pater Wladislaw Bukowinski, der nach seiner mehrjährigen Haft zu uns nach Karaganda kam. Während der Gottesdienste stellte er uns Kinder ganz nah an den Altar. Die kleinen Häuser waren so überfüllt, dass die Kerzen wegen des Sauerstoffmangels oft von selbst erloschen. Ein besonderes Geschenk meines Lebens war, dass ich von Bischof Alexander Chira die Erste Heilige Kommunion empfangen durfte. Er war zugleich mein Taufpate und spendete mir viele Jahre später erneut Kraft durch die Erinnerung an diese Zeit. Für mich ist bis heute vieles im Leben kein Zufall – alles hat seinen Sinn. Fast vierzig Jahre später stand ich wieder in der Kirche St. Josef in Karaganda. In diesem Augenblick liefen die Bilder meiner Kindheit wie ein Film vor meinen Augen ab. Ich sah den Platz, an dem einst die Semljanka gestanden hatte, in der auch der Großvater meines Ehemannes Georg Haag gelebt hatte. Ich erinnerte mich daran, wie nach der Genehmigung aus Moskau die gesamte Gemeinde gemeinsam mit dem Bau der Kirche begann.

Jung und Alt arbeiteten Seite an Seite. Nach der regulären Arbeit, nach der Schule oder nach ihrer Schicht im Stahlwerk kamen die Deutschen zusammen und zogen Stein für Stein die Kirche hoch. Es war ein beeindruckendes Zeichen des Zusammenhalts und des Glaubens.1980 wurde die Kirche schließlich feierlich eingeweiht. Ich durfte dort als Reinigungskraft arbeiten und begann im Kirchenchor zu singen. Ein großer Teil dieses Werks ist mit dem Namen des Priesters Albinas Dumbliauskas aus Litauen verbunden. Er trug während und nach dem Bau der Kirche eine enorme Verantwortung und musste viele Schwierigkeiten und Kontrollen der Behörden überstehen. Ohne seinen Mut, seine Ausdauer und den starken Glauben der Gemeinde wäre dieses Gotteshaus nicht entstanden. Die Gemeinde brachte viele geistliche Berufungen hervor, zahlreiche Priester und Ordensschwestern, und mit einigen von ihnen stehe ich bis heute in Kontakt. Besonders bewegend war das unerwartete Wiedersehen mit zwei Ordensschwestern, mit denen ich bereits in den 1980er Jahren im Kloster gewesen war. Es war ein herzliches und tief berührendes Treffen, als wären die vergangenen Jahrzehnte nie vergangen.

Am Grab von Otto Messmer (c) Privatarchiv von Ida Haag.

Die Atmosphäre in Karaganda lässt sich kaum in Worte fassen. Für mich war die Bildungsreise ein Wunder und ein großes Geschenk. Auch der Aufenthalt in Astana war von besonderen Begegnungen geprägt. Die katholische Kirche dort war mir sofort vertraut. Sie wurde vom Priester Otto Messmer erbaut, den ich von meiner Jugend her kannte. Umso schmerzlicher ist die Erinnerung daran, dass er später in Moskau aus religiösen Gründen ums Leben kam. Athanasius Schneider, römisch-katholischer Weihbischof der Erzdiözese Astana, empfing uns mit großer Herzlichkeit. Gemeinsam sangen wir das Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen“, und sofort wurden Erinnerungen an unsere Jugend wach, als wir im Kreis zusammensaßen und dieses Lied gemeinsam einstudierten. Ein weiteres bewegendes Erlebnis war die völlig unerwartete Begegnung mit meiner Cousine, Schwester Maria Böhm. Dass wir uns ausgerechnet dort wiedersehen würden, erschien mir wie ein kleines Wunder. Das Leben hat uns an die unterschiedlichsten Orte der Welt geführt, doch jede von uns durfte auf ihre Weise ihre Aufgabe erfüllen. Am Ende der Bildungsreise blieb vor allem eines: tiefe Dankbarkeit. Dankbarkeit für all die Erinnerungen, für die Begegnungen und für die Menschen, die diese Reise möglich gemacht haben. Mein herzlicher Dank gilt dem Team des BKDR, insbesondere Waldemar Eisenbraun und Dr. Olga Litzenberger, sowie allen, die mit so viel Engagement, Herz und Liebe diese Reise organisiert und durchgeführt haben. Sie haben es ermöglicht, dass wir unsere Geschichte neu entdecken, alte Verbindungen wiederfinden und unvergessliche Momente erleben durften.

 Ida Haag, geborene Depperschmidt