Kulturerbe der Russlanddeutschen digital

Mit der Digitalisierung und Zugänglichmachung der sowjetdeutschen Literaturzeitschrift „Der Sturmschritt“ eröffnet das Kulturzentrum BKDR eine neue Rubrik, in der wir regelmäßig über die Digitalisierung alter Bücher, Zeitschriften, Zeitungen, Archivalien und anderer schriftlicher Zeugnisse des kulturellen Erbes der Deutschen aus den Nachfolgestaaten der UdSSR berichten möchten. Dazu zählen nicht nur Digitalisate aus unseren eigenen Beständen, sondern auch digitale Bestände unserer Partnerorganisationen. Diese Rubrik wird von unserem wissenschaftlichen Mitarbeiter Dr. Viktor Krieger betreut.

Als ersten Beitrag dieser neuen Rubrik stellen wir die sowjetdeutsche Literaturzeitschrift „Der Sturmschritt“ vor, ein „Litorgan“ bzw. Literaturmedium der deutschsprachigen und deutsch schreibenden Literaten der Ukraine in der Zeit zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg. Als Herausgeberin fungierte anfangs die „Deutsche Sektion des Allukrainischen Verbandes proletarischer Bauernschriftsteller ,PFLUG‘“; nach mehreren Umbenennungen hieß die Organisation zuletzt „Präsidium des Allukrainischen Verbandes der Sowjetschriftsteller“. Die Zeitschrift erschien im ukrainischen Staatsverlag für nationale Minderheiten (ukr.: Derschnazmenwydaw), die Auflage schwankte zwischen 500 und 2.100 Exemplaren.

Diese „Zeitschrift für Literatur und Kunst“ erschien in den Jahren 1930 bis 1935 in Charkiw (russ.: Charkow). Die Metropole fungierte bis 1934 als Hauptstadt der Ukrainischen Sowjetrepublik und war unter anderem Sitz verschiedener Institutionen für die deutsche Minderheit, die laut der Volkszählung von 1926 mit 394.000 Menschen 1,7 % der Republikbevölkerung ausmachte. In einigen Regionen war der Anteil der Deutschen wesentlich höher, so etwa in den Kreisen Odessa (8,3 %) oder Wolhynien (7,3 %). Zu den Herausgebern und Redakteuren der Zeitschrift zählten unter anderem damals bedeutende Vertreter der neuen sowjetdeutschen Literatur wie Georg Luft (alias Georg Flut bzw. Graubart), David Schellenberg und Gottlieb Fichtner (alias Max Stürmer).

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Bizarrer Beschluss über das Erlernen der deutschen Sprache in der wolgadeutschen Republik (1941)

(Dokument des Monats)

… Die Kaderabteilung ist verpflichtet, den Fortschritt des Deutschunterrichts für Parteimitglieder und sowjetische Funktionäre systematisch zu überwachen und künftig zu verhindern, dass der Unterricht ausfällt … [ein Auszug, den ausführlichen Text lese weiter unten]

Aus historischer Perspektive mutet der uns vorliegende Beschluss beinahe surreal an: Ein wolgadeutscher Parteifunktionär fordert im April 1941 Mitarbeiter des Partei- und Sowjetapparats mit Nachdruck auf, die deutsche Sprache zu erlernen. Andernfalls drohen den Verweigerern Abmahnungen und weitere Konsequenzen. Der Beschluss wurde nur wenige Monate vor dem Kriegsausbruch und dem daraus resultierenden berüchtigten Deportationserlass vom 28.08.1941 gefasst, der die gesamte sowjetdeutsche Bevölkerung pauschal zu Kriminellen und quasi zu Staatsfeinden erklärte, sie in der Folge ihrer Muttersprache beraubte sowie ihre Kultur absichtlich und systematisch zerstörte.

Doch in Friedenszeiten hatten die Wolgadeutschen noch zur „brüderlichen Familie der Sowjetvölker“ gehört, und somit bezog sich die vom ZK der WKP(Bolschewiki) am 6. September 1940 verabschiedete Verordnung „Über das Erlernen der Sprache der jeweiligen Unionsrepublik bzw. autonomen Republik durch die Partei- und Staatsbediensteten in den Unions- und autonomen Republiken“ auch auf ihr kleines Staatsgebilde. Diese Verordnung stellte eine von vielen ähnlichen Verfügungen der stalinistischen Führung dar, die letztlich nur den Eindruck erwecken sollte, sie würde die nationalen Interessen aller Völker der UdSSR berücksichtigen.

Diese These wird durch die Erörterungen dieser Angelegenheit in den Sitzungen des Gebietskomitees der WKP(B) in Engels am 13. September und 13. Dezember 1940 sowie am 24. März 1941 deutlich belegt: Wiederholt wurde in den Sitzungen festgestellt, dass die oben erwähnte ZK-Verordnung aus Moskau bisher „in völlig unbefriedigender Weise“ erfüllt worden sei.

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Neuerscheinung: „Vierzig Jahre im Dienst der lutherischen Kirche Russlands“

„Vierzig Jahre im Dienst der lutherischen Kirche Russlands“ lautet der Titel der neu erschienenen Lebenserinnerungen des letzten lutherischen Bischofs der Sowjetzeit, Theophil Meyer (1865–1934).

Das Buch schildert eindrucksvoll den Wandel vom russischen Zarenreich bis zur stalinistischen Sowjetdiktatur und dokumentiert zugleich die Geschichte der evangelisch-lutherischen Kirche in Russland. Ergänzt wird die Veröffentlichung durch Predigten, Berichte und einen neu entdeckten Visitationsbericht aus den 1920er Jahren.

Der Band wurde von unserer wissenschaftlichen Mitarbeiterin Prof. Dr. Olga Litzenberger herausgegeben. Die Publikation entstand in Kooperation zwischen dem Kulturzentrum BKDR und dem Martin-Luther-Bund (MLB) und wurde mit Mitteln der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) unterstützt.

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Prof. Dr. Olga Litzenberger im Fachbeirat Kunst–Kultur–Wissenschaft der Stiftung Verbundenheit mit den Deutschen im Ausland

Mit der Einrichtung eines neuen Fachbeirats für Kunst, Kultur und Wissenschaft erweitert die Stiftung Verbundenheit mit den Deutschen im Ausland ihr internationales Engagement um einen weiteren wichtigen Schwerpunkt.

Der berufene Beirat hat die Aufgabe, die kulturellen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Potenziale deutscher Minderheiten und Gemeinschaften im Ausland stärker sichtbar zu machen und nachhaltig mit Deutschland zu vernetzen. Im Mittelpunkt stehen dabei insbesondere Themen der Kultur- und Wissenschaftsdiplomatie, internationale Kooperationen im künstlerischen Bereich sowie die Bewahrung und Förderung des kulturellen Erbes deutscher Minderheiten weltweit. Ebenso zählen der Ausbau grenzüberschreitender Netzwerke sowie die gezielte Förderung junger Talente zu den zentralen Anliegen des Gremiums.

Wir gratulieren unserer wissenschaftlichen Mitarbeiterin Prof. Dr. Olga Litzenberger herzlich zu ihrer Berufung in den Fachbeirat Kunst–Kultur–Wissenschaft der Stiftung Verbundenheit mit den Deutschen im Ausland. Zugleich wünschen wir dem neu berufenen Fachbeirat für seine zukünftige Arbeit viel Erfolg, inspirierende Impulse und ein stets erfolgreiches Wirken bei der Umsetzung seiner Vorhaben.

„100 Jahre Deutsche Diözese der ROKA“ in München

Vom 6. bis 8. Mai 2026 nahm Prof. Dr. Olga Litzenberger, wissenschaftliche Mitarbeiterin des BKDR, an der internationalen wissenschaftlichen Konferenz „100 Jahre Deutsche Diözese der ROKA“ („ROKA“: Russisch-Orthodoxe Kirche im Ausland) in München teil.

Im Rahmen der Konferenz „Erbe und Berufung“ im Schloss Blutenburg hielt sie einen Vortrag zum Thema „Die ‚Russlanddeutschen‘ in den Gemeinden der Deutschen Diözese: Identität und konfessioneller Wandel“. Die Referenten kamen aus Deutschland sowie aus mehreren europäischen Ländern und den USA.

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Verein für Heimat- und Familienforschung „Taurien“ zu Gast im BKDR

Der gemeinnützige Verein „Taurien“ wurde 2014 gegründet, um gemeinsam Ahnenforschung und historische Heimatkunde, vornehmlich zu den Deutschen aus dem Schwarzmeergebiet, zu betreiben. Die Aktivitäten des Vereins können sich sehen lassen, u. a. durch die Publikation überarbeiteter Kirchenbuchduplikate, von Erinnerungen oder Biographien.

Seit einiger Zeit hat sich eine Zusammenarbeit des Vereins mit unserem Kulturzentrum angebahnt. So fanden am 2. Mai 2026 die diesjährige Mitgliederversammlung sowie die Vorstellung aktueller Projekte des Vereins in den Räumlichkeiten des BKDR statt.

Hier möchten wir auf einige Vorhaben kurz eingehen. In ihrem Vortrag präsentierte die Vorsitzende des Vereins, Elena Logvenov, Ergebnisse einer detaillierten Analyse bislang unbekannter Archivdokumente über den Verlauf der zweiten Ansiedlungswelle an die Molotschna (1808–1810). Bislang wurde in der Literatur meistens nur die erste, zahlenmäßig größere Einwanderung der Jahre 1803–1805 näher untersucht.

Natalja Freudenberg unternahm einen vielversprechenden Versuch, eine Art Konkordanz-Datenbank zu erstellen, die die unterschiedlichen Benennungen deutscher Ortschaften aus beliebigen Zeitperioden miteinander verbinden würde. Bekanntlich erlebten solche Siedlungen seit ihrer Gründung bis zu mehrere Dutzend Umbenennungen, beginnend mit dem Ersten Weltkrieg und Russlands Kampf gegen den „inneren Deutschen“, ganz zu schweigen von Sowjetismen und der Ausradierung alles Deutschen während und nach dem Zweiten Weltkrieg.

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„Zwischen Wolga und Pegnitz. Begegnung mit den Deutschen aus dem postsowjetischen Raum“

Unter diesem Motto fand am Samstag, 25. April 2026, in den Räumlichkeiten des Kulturzentrums BKDR ein Studientag des Landesverbandes Bayern der Evangelischen Akademikerschaft (EA) statt. Der Verlauf des Treffens war geprägt von einem intensiven Austausch von Informationen, Ideen und Vorschlägen, an dem zwei wissenschaftliche Mitarbeiter des Kulturzentrums, Dr. Olga Litzenberger und Dr. Viktor Krieger, teilnahmen.

Nach dem Videobeitrag zum siebenjährigen Bestehen des Kulturzentrums leitete Dr. Krieger die Vorstellungsrunde ein. Im Anschluss daran folgten Fragen und Wortmeldungen der anwesenden Gäste zur aktuellen Lage der Russlanddeutschen in Nürnberg und darüber hinaus, auf die die beiden Wissenschaftler fundierte Erklärungen und weiterführende Informationen lieferten.

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Ein Gesetz, das vor 35 Jahren viele Hoffnungen weckte

(Dokument des Monats)

Vor 35 Jahren, am 26. April 1991, verabschiedete der Kongress der Volksdeputierten der damaligen Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR) das Gesetz „Über die Rehabilitierung der repressierten Völker“. Dies geschah mitten in der leider nur kurz andauernden Phase des demokratischen Aufbruchs. Im Zuge der sogenannten Perestroika wurden ernsthafte Bemühungen unternommen, mit der stalinistischen Vergangenheit endgültig zu brechen und den unschuldigen Opfern staatlicher Willkür und Verfolgung Wiedergutmachung zu leisten.

Das Gesetz von 1991, ein Zeitungsausschnitt. Die vollständige Fassung und Übersetzung siehe unten.

Das Gesetz betraf mehrere ethnische Minderheiten, darunter Bürger deutscher, kalmückischer, balkarischer, tschetschenischer, inguschischer, karatschaischer, krimtatarischer, finnischer, koreanischer und türkisch-meschetischer Nationalität, die vornehmlich während des Zweiten Weltkriegs mehrheitlich oder vollständig aus ihren angestammten Siedlungsgebieten deportiert worden waren. Angehörige weiterer Völker erlebten eine partielle Verbannung, darunter Polen, Ukrainer, Esten, Letten, Litauer, Iraner, Griechen, Armenier, Bulgaren und Kurden.

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„Eine Zeitreise – auf den Spuren unserer Vorfahren im Südkaukasus“

mit Familienforscherin und Buchautorin Rita Laubhan

Am 18.04.2026 fand im Haus der Heimat Nürnberg das mittlerweile achte genealogische Seminar der Seminarreihe zur Genealogie der Russlanddeutschen statt.

Veranstalter des gut besuchten Seminars waren das Kulturzentrum BKDR, der Historische Forschungsverein der Deutschen aus Osteuropa (HFDO) mit Prof. Dr. Olga Litzenberger sowie die Ortsgruppe Nürnberg der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland (LmDR) mit Kulturreferentin Dorothea Walter.

Als Referentin trat die Familienforscherin und Buchautorin Rita Laubhan (Ludwigsburg) auf. In ihrem Buch „Alexandersdorf – ein schwäbisches Dorf im Kaukasus“ (Cardamina Verlag, ersch. 2017, 358 Seiten, 2. überarb. Auflage 2020, 358 Seiten, ISBN 978-3-86424-512-1) hat sie das nicht mehr existierende Dorf rekonstruiert, wo vier Generationen ihrer Vorfahren väterlicherseits geboren sind. Außerdem hat sie Familienchroniken für 45 Familien in den ersten 100 Jahren ab 1817 sowie einen Dorfplan erstellt.

Auch in ihren weiteren Publikationen beschäftigt sich Laubhan mit verschiedenen Aspekten der Geschichte der Kaukasusdeutschen.

Dazu gehören unter anderem folgende Veröffentlichungen:

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„Eine Zeitreise: Auf den Spuren unserer Vorfahren im Südkaukasus“

Am 18. April 2026 wird Familienforscherin und Buchautorin Rita Laubhan von 10:00 bis 13:00 Uhr im Haus der Heimat Nürnberg zum Thema „Eine Zeitreise: Auf den Spuren unserer Vorfahren im Südkaukasus“ referieren und tiefe Einblicke in die Ahnenforschung geben.

Moderiert wird die Veranstaltung von Dr. Olga Litzenberger und Dorothea Walter.

Zur Teilnahme ist eine verbindliche Anmeldung per E-Mail an walter.dorothea51@gmail.com oder telefonisch unter der 01705771326 notwendig. Darüber hinaus können Sie gerne per Zoom am Ahnenforschungsseminar teilnehmen:

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