Heute wie vor 100 Jahren: Eine Informationsbroschüre des „Fürsorgevereins für deutsche Rückwanderer“ (Berlin, 1917).

In unserem Archiv gibt es eine kleinformatige Broschüre mit der Überschrift „Was sollte jeder Deutsche von unseren deutschen Volksgenossen in Rußland wissen? Merkworte“, hrsg. vom Fürsorgeverein für deutsche Rückwanderer. Berlin 1917, Umfang 16 Seiten.

Der Fürsorgeverein wurde 1909 von der Preußischen Staatsregierung ins Leben gerufen, mit dem Ziel, vornehmlich deutsche Bauern aus dem Russischen Reich als Landarbeiter für die östlichen Provinzen (Ostpreußen, Posen u. a.) zu gewinnen. Oder wie es im sprachlichen Duktus der damaligen Zeit hieß: … „sich der von ihrer eigenen Regierung mißhandelten Deutschrussen hilfreich anzunehmen und ihre Eingewöhnung im alten Stammlande zu unterstützen.“

Vor dem Ersten Weltkrieg waren es nicht weniger als 30.000 Rückwanderer, die – von „dem Mutterlande gewonnen“ – größtenteils aus polnischen Gouvernements des Russischen Reiches oder aus Wolhynien stammten (vgl. Borchardt, Alfred, Deutschrussische Rückwanderung, Berlin 1915).

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Erste russlanddeutsche Akademiker im Zarenreich (Folgen 17, 18 und 19)

In diesem Beitrag möchten wir Ihnen Agata Rempel (1895‒1969) vorstellen. Agata Rempel war die erste und leider einzige Frau aus dem Kolonisten- bzw. Siedlermilieu, die an der Universität Dorpat immatrikuliert wurde. Bekanntlich durften Frauen bis 1914 an russischen Hochschulen als gleichberechtigte Studierende nicht eingeschrieben werden; den Zugang zu höherer Bildung bzw. zu einem Studium hatten lange Zeit ausschließlich Männer. Als Ersatzangebote für Frauen gab es allerdings eine Reihe an privaten „höheren“ Bildungskursen, auch durften sie Hochschulvorlesungen als Gasthörerinnen besuchen. In beiden Fällen bekamen sie keine gleichwertigen Abschlüsse (mit Diplom bzw. anderen Abschlusszeugnissen) und konnten aus diesem Grund keine Promotionen angehen. Weder eine Berufslaufbahn im Staatsdienst noch der Erwerb vieler anderer Berufsqualifikationen wurde ihnen erlaubt. Wollten sie eine akademische Ausbildung genießen, mussten sie Hochschulen und Universitäten im Ausland aufsuchen. Während des Ersten Weltkrieges wurden derartige Ausbildungsverbote gelockert, doch erst die russische Februarrevolution 1917 hob die meisten Einschränkungen für das Studium von Frauen auf.

Bild 1: Agata Rempels Teilnehmerausweis bzw. Bescheinigung für ihre Teilnahme an dem universitären Privatkurs der medizinischen Fakultät
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Rehabilitierung der Wolgadeutschen: Ein Brief von Pastor Schleuning

Im aktuellen Dokument des Monats handelt es sich um den Entwurf eines Briefes von Johannes Schleuning, Pastor und Superintendent i. R., den er im Februar 1957 an den sowjetischen Botschafter in Bonn, Andrei Smirnow, adressierte.

Der Entwurf stammt aus dem persönlichen Nachlass von Johannes Schleuning. Archiv der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland [https://lmdr.de/]

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Ein Dokument der Diskriminierung während des Ersten Weltkriegs

Allbekannt sind massive Verfolgungen und Diskriminierungen der deutschen Minderheit in der UdSSR während des Zweiten Weltkrieges – im Verlauf des sog. „Großen Vaterländischen Krieges“ 1941–1945. Dagegen sind die schon während des Ersten Weltkrieges im Zarenreich ergriffenen antideutschen Maßnahmen wesentlich weniger bekannt, weil sie zugegebenermaßen noch nicht so gravierend waren. Jedoch wurden sie von den Zeitgenossen spürbar wahrgenommen und führten zu Enttäuschung und Verbitterung.

Dokument 1 (Vorderseite)

Am Beispiel von Georg Rath (* 19. Oktober 1891; † 6. März 1977) lässt sich ein kleiner Aspekt dessen veranschaulichen. Er wurde im Gouvernement Cherson, in der deutschen Siedlung Kujalnik (Nesselrode) geboren, schloss das Gymnasium in Ananjewsk ab und ließ sich im August 1912 an der Universität Dorpat immatrikulieren. Dort studierte er vornehmlich Theologie und wurde Ende Juli 1916 einberufen – der Erste Weltkrieg war währenddessen im vollen Gange. Als Student durfte er einen Lehrgang zu einer Offiziersausbildung aufnehmen und trat in die Odessaer Militärschule ein (siehe DOKUMENT 1 [1] mit der entsprechenden deutschen Übersetzung [2]). Nach nicht einmal zwei Ausbildungsmonaten als Offiziersanwärter (Russisch: Junker) musste er die Lehranstalt verlassen und in einem Reserve-Infanterie-Regiment als Soldat antreten.

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Goethe-Institut: „Deutsche Spuren in Russland“

Das Bayerische Kulturzentrum der Deutschen aus Russland (BKDR) wirkte aktiv als Kooperationspartner des Goethe-Instituts beim Projekt „Deutsche Spuren in Russland“ mit. Vor allem in der Region rund um Saratow konnte das BKDR seine Expertise in Person der wissenschaftlichen Mitarbeiterin, Prof. Dr. Olga Litzenberger, gezielt einbringen – mit fachmännischer Unterstützung von Dr. Sergey Terekhin.

Bei diesem Projekt wird das kulturelle Erbe der Deutschen aus Russland mithilfe von informativen Texten in den Sprachen Deutsch und Russisch mit begleitenden Fotos der breiten Öffentlichkeit anschaulich zugänglich gemacht. Dabei wird deutlich, wie weitverbreitet die deutschen Spuren in der Russischen Föderation sind und welchen Stellenwert diese auch heute noch in der Erinnerungskultur der Deutschen aus Russland sowohl im In- als auch im Ausland einnehmen.

Erfahren Sie HIER mit dem interaktiven mobilen Reiseführer mehr über die ehemaligen Herkunftsgebiete sowie die vielseitige Geschichte der Deutschen aus Russland.

Viel Spaß bei der Navigation durch dieses innovative Informationsangebot!

Tipp: Wenn Sie „Pegman“ (das orangene Männchen unten rechts) in die Karte ziehen, können Sie Google Street View aufrufen!

Bündnis 90/Die Grünen beim BKDR

Bündnis 90/Die Grünen stellen 14 Mandatsträger des Nürnberger Stadtrates, darunter Natalie Keller, die mit ihren russlanddeutschen Eltern als Spätaussiedlerkind nach Deutschland kam. Sie ist Sprecherin für frauen- und kulturpolitische Themen der Fraktion.

V. l. n. r.: Waldemar Eisenbraun (BKDR-Leitung), Andrea Friedel (stellvertr. Fraktionsvorsitzende), Achim Mletzko (Fraktionsvorsitzender) und Natalie Keller (Kulturpolitische Sprecherin).

Auf Initiative des Fraktionsvorsitzenden Achim Mletzko fand am 25. April ein reger Austausch zwischen der gesamten Stadtratsfraktion und dem Team des Bayerischen Kulturzentrums der Deutschen aus Russland (BKDR) statt. Dabei ging es vordergründig um die besondere Geschichte der Deutschen aus dem postsowjetischen Raum, das vielfältige Wirken des BKDR und die grenzüberschreitende Zusammenarbeit mit den Herkunftsländern. Als anschaulichen Beitrag führte der BKDR-Leiter Waldemar Eisenbraun den Videobericht über die Bildungsreise nach Odessa vor. Zur Aufzeichnung der Exkursion „Auf den deutschen Spuren im Gebiet Odessa“ gelangen Sie hier:

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Eine historische Blaupause vor 83 Jahren: Wie Stalin Finnland unterwerfen wollte (Teil 2)

Im zweiten Teil unserer Dokumentation durchleuchten wir weitere interessante Einzelheiten des sowjetisch-finnischen Krieges (Winterkrieg) 1939/40: Wie wurde dieser Krieg in den offiziellen Massenmedien anhand der zeitgenössischen Berichte dargestellt und welche Parallelitäten weist er zu dem heutigen Vorgehen Russlands gegen die Ukraine auf? [1] Als Quelle dienen uns (wie bereits in den Dokumentationen  zuvor) die offiziellen Verlautbarungen der Zeitungen „Prawda“, „Iswestija“ u. a., die übersetzt in der deutschsprachigen Zeitung „Nachrichten“ aus der Wolgadeutschen Republik erschienen.

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Fachtagung „Die Literatur der Wolgadeutschen – Geschichte, Werke, Menschen“ in Dresden

Vom 24. bis 26. März 2022 fand im Goethe-Institut in Dresden eine Fachtagung zum Thema „Die Literatur der Wolgadeutschen – Geschichte, Werke, Menschen“ statt. Die Tagung wurde von der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen in Kooperation mit der TU Chemnitz organisiert und vom Freistaat Sachsen gefördert. Unsere Mitarbeiter, Dr. Viktor Krieger und Artur Böpple, nahmen an der Fachtagung als Redner teil. Darüber hinaus durften wir im Rahmen der Tagung unsere Buchpublikationen und Projekte vorstellen.

Fachtagung zum Thema „Die Literatur der Wolgadeutschen – Geschichte, Werke, Menschen“ im Goethe-Institut in Dresden. Foto: ©Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

 An dieser Stelle danken wir den Veranstaltern, Förderern sowie Teilnehmerinnen und Teilnehmern für die hervorragende Organisation, angenehme Atmosphäre und den produktiven Austausch. Unser Dank gilt im Besonderen ebenfalls dem Beauftragten für Vertriebene und Spätaussiedler des Freistaates Sachsen, Herrn Dr. Jens Baumann, für sein Kommen und die großzügige Unterstützung dieses Projektes!

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Produktives Treffen im Kulturzentrum

Am 15. März 2022 fand im Bayerischen Kulturzentrum der Deutschen aus Russland (BKDR) ein Arbeitstreffen mit Tillmann Tegeler, Leiter des Arbeitsbereichs Bibliothek und elektronische Forschungsinfrastruktur sowie Projektmitarbeiter Dr. Albert Weber vom Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung (IOS) mit Sitz in Regensburg statt. Seitens des BKDR nahmen Zentrumsleiter Waldemar Eisenbraun und der wissenschaftliche Mitarbeiter Dr. Viktor Krieger teil.

V. l. n. r.: Dr. Viktor Krieger, Tillmann Tegeler und Dr. Albert Weber.

Das Treffen war den Perspektiven der Zusammenarbeit beider Institutionen hinsichtlich der Digitalisierung des russlanddeutschen Kulturerbes gewidmet. Hierbei ging es vorrangig um gemeinsame Projekte zur Digitalisierung der russlanddeutschen Periodika. Darüber hinaus wurden von den Protagonisten Fragen bzgl. der Bündelung von Onlineangeboten des Leibniz-Instituts für Ost- und Südosteuropaforschung und dem Bayerischen Kulturzentrum besprochen, um möglichst eine breite Öffentlichkeit erreichen zu können. 

Eine historische Blaupause vor 83 Jahren: Wie Stalin Finnland unterwerfen wollte

Dieses Dokument bzw. (in diesem Fall) diese Dokumentation des Monats ist außergewöhnlich. Es wird illustriert, dass die gerade stattfindenden gravierenden Ereignisse in der Ukraine keineswegs im luftfreien Raum entstanden und nur kaum aus aktuellen Entwicklungen oder Verlautbarungen der handelnden Personen zu erklären sind. Solche Großgeschehen – wie der anhaltende russische Angriff auf die Ukraine – können ohne historisches Hintergrundwissen kaum angemessen verstanden werden.

Von welchen Vorbildern lässt sich z. B. das Handeln des russischen Präsidenten ableiten? Er selbst sieht sich in der Tradition des heroischen Kampfes gegen Faschismus (heute: Nazismus). Demnach will er die Ukraine „denazifizieren“ und „entmilitarisieren“. In vielen westlichen Publikationen werden andersherum Parallelitäten zu dem Angriff des Deutschen Reichs am 1. September 1939 gezogen und das Agieren des russischen Staatsoberhaupts mit dem des damaligen Reichskanzlers verglichen.

Wer sich jedoch in der sowjetischen Geschichte auskennt, kommt unweigerlich zu dem Schluss, dass eher Stalin und seine Politik Wladimir Putin als Vorbild und nachahmenswertes Beispiel dienen. Sein Vorgehen erinnert einerseits an die Befreiungsrethorik, mit der die UdSSR im September 1939 Polen überfallen hat und andererseits an die Einverleibung der baltischen Staaten.

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