Akademische Viertelstunde mit Prof. Dr. René Krüger
Prof. Dr. René Krüger lebt derzeit in Gualeguaychú in der argentinischen Provinz Entre Ríos. Der ordinierte Pfarrer im Ruhestand der Evangelischen Kirche am La Plata ist sowohl promovierter Theologe als auch Historiker. Von 1985 bis 2015 lehrte er am Instituto Universitario ISEDET, dessen Rektor er von 1999 bis 2007 war.
Der Name sowie die Verdienste des Bibliothekars und Archäologen Herbord (Herbert) Steinwand (1896‒1966) aus Odessa wurden von der ukrainischen Geschichtswissenschaft nach 1991 wieder ans Licht befördert. Vor allem ist dabei seine fundierte und bis heute hochgeschätzte Beschreibung aller periodischen Veröffentlichungen zu nennen, die in Odessa in den Jahren der russischen Revolution 1917 sowie des Bürgerkriegs (1917-1921) erschienen waren.
Herbord Steinwand studierte an der Universität und anschließend am Institut für Volksaufklärung in Odessa und schlug ferner eine akademische Laufbahn ein. Einige Jahre war er als Abteilungsleiter an der Universitätsbibliothek und später etliche Jahre als Leiter des Münzkabinetts am Archäologischen Museum Odessa tätig. Während der zunehmenden Verfolgung der deutschen Intellektuellen in der UdSSR wurde er am 28. Dezember 1933 von der GPU verhaftet und am 26. Februar 1934 aufgrund vermeintlicher konterrevolutionärer Tätigkeit zu fünf Jahren Lagerhaft verurteilt. Im Lager Uchto-Ischemski, Komi ASSR, wurde er 1938 erneut angeklagt, diesmal wegen konterrevolutionärer Propaganda unter Häftlingen. Im Rahmen der Untersuchungshaft erwiesen sich die Beschuldigungen als unbegründet, und Steinwand wurde schließlich wegen mangelnder Beweise am 31. Oktober 1939 aus der Lagerhaft entlassen.
Zurück in Odessa nahm er die Tätigkeit am archäologischen Museum wieder auf. Allerdings endete seine Spur mit dem Beginn des Deutsch-Sowjetischen Krieges; weitere Lebens- und Berufsstationen von ihm blieben lange im Dunkeln. Gelegentlich haben einige Autoren vage darauf hingewiesen, dass Steinwand in der besetzten Stadt blieb – ohne nähere Angaben zu machen, womit er sich dort während der deutschen Besatzung beschäftigte – und 1944 als „Volksdeutscher“ aus Odessa fliehen musste (WIKI-Eintrag auf Ukrainisch).
Bild 1: Nach der ersten Verhaftung, in Engels, 1930.
20. November 1938. Es ist nun amtlich: An diesem Tag wurde der feinfühlende Lyriker, scharfsinnige Publizist, begnadete Pädagoge und hochbegabte Heimat- und Volkskundler Peter Sinner (1879–1938) im NKWD-Gefängnis der Stadt Woronesch erschossen. Seine letzten Lebensjahre lagen bislang völlig im Dunkeln. Bekanntlich wurde Sinner im Zuge der Verfolgung der wolgadeutschen Intellektuellen am 14. August 1930 in Leningrad (seit 1991: St. Petersburg) verhaftet und nach Saratow überführt; in dieser Stadt hatte er bis 1927 als Schul- und Hochschullehrer gewirkt. Aufgrund vermeintlicher „antisowjetischer nationalistischer Tätigkeit“ beschloss das Sonderkollegium der OGPU am 1. Februar 1932, ihn für drei Jahre in ein Konzentrationslager einzusperren. Danach verlor sich seine Spur.
Man vermutete, dass Peter Sinner dem stalinistischen Terror der 1930er-Jahre zum Opfer gefallen war. Doch in keiner der zahlreichen bereits existierenden Opferlisten tauchte sein Name auf. Meine jahrelangen Bemühungen um die Aufklärung seines Schicksals und seiner letzten Lebensjahre blieben erfolglos. Erst ein Eintrag aus dem Jahr 1940 im Lebenslauf seines bereits verstorbenen Sohnes Erwin Sinner (1912–1987), eines bekannten Historikers aus Irkutsk, ließ die Hoffnung aufkeimen, dass die letzten Spuren von Peter Sinner doch noch auffindbar wären. Im Lebenslauf findet sich der Hinweis, dass P. Sinner 1938 zu 15 Jahren Lagerhaft verurteilt worden sei und seine Frau Kamilla Sinner, geb. Riedel, in Woronesch als Lektorin an der örtlichen Pädagogischen Hochschule arbeitete.
Dr. Lilija Wedel, Osteuropahistorikerin an der Universität Bielefeld, Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie, spricht im Rahmen der BKDR-Bildungsreihe „Akademische Viertelstunde“ in ihrem Vortrag über „Deutsche Akteure in der imperialen Durchdringung Zentralasiens 1867 – 1917“:
Dahingehend gibt sie einen tiefen Einblick in die Kultur und Geschichte der Deutschen im späten Zarenreich, was gleichermaßen einen ihrer Forschungsschwerpunkte darstellt.
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Am 13. November 2025 empfing das Bayerische Kulturzentrum der Deutschen aus Russland (BKDR) den estnischen Historiker und Ethnologen Dr. Aivar Jürgenson, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Estnischen Nationalmuseum. Bei einem Arbeitsgespräch mit Dr. Olga Litzenberger und Dr. Viktor Krieger wurden aktuelle Forschungsfragen erörtert.
Auf dem Foto sehen Sie v. l. n. r.: Aivar Jürgenson, Olga Litzenberger und Viktor Krieger.
Jürgenson hat Werke russlanddeutscher Schriftsteller ins Estnische übersetzt und damit deren Bekanntheit in Estland gestärkt. Das Estnische Nationalmuseum verfügt über umfangreiche Dokumente, Fotografien und Feldmaterialien zur Geschichte der Russlanddeutschen, die das BKDR regelmäßig nutzt. Im Gespräch wurden zudem Perspektiven für eine intensivere Zusammenarbeit im Quellen- und Materialaustausch sowie in der gemeinsamen wissenschaftlichen Nutzung dieser Bestände besprochen.
Im Oktober war unser wissenschaftlicher Mitarbeiter Dr. Viktor Krieger nach Kasachstan zu einer internationalen wissenschaftlichen Konferenz eingeladen, die vom Institut für Geschichte und Ethnologie der Republik Kasachstan organisiert und durchgeführt wurde. Im Rahmen der Festveranstaltungen wurde Krieger mit der Tschokan-Walichanow-Ehrenmedaille ausgezeichnet.
Dr. Viktor Krieger während eines Vortrags.
Die DAZ-Korrespondentin Annabel Rosin nutzte die Gelegenheit und führte ein Interview mit Viktor Krieger u. a. zu Fragen der Geschichte der Russlanddeutschen und zur Bedeutung historischer Erinnerung. In eindrücklichen Worten schilderte er, wie lang verdrängte Dokumente neue Einblicke in das Schicksal der deutschen Minderheit in der Sowjetunion geben – und warum persönliches Erinnern der Schlüssel für eine gemeinsame Zukunft sei.
Im Vortrag werden verschiedene Sichtweisen auf die Deutschen aus dem postsowjetischen Raum erörtert, um genauer bestimmen zu können, in welche Gruppierung sie am besten passen bzw. sich zugehörig fühlen und eingeordnet werden (sollten). Außerdem wird thematisiert, inwiefern die Geschichte der sogenannten „Russlanddeutschen“ eine Befreiungs- und Empowermenterzählung ist. Wichtig ist dahingehend der Aspekt, dass sie sich in den „Kanon der übrigen sich vom Hegemonialanspruch Moskaus befreienden Nationen als Resilienz- und Empowermentnarrativ verflechten.“
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J.Kronewald: 1986 mit dem Orden des Roten Banners ausgezeichnet.
Nach dem Zweiten Weltkrieg tauchten in deutschsprachigen Zeitungen „für die sowjetdeutsche Bevölkerung“ gelegentlich historische Beiträge über deutsche Siedler auf. Diese waren jedoch oft in Bezug auf die Zeit nach 1941 dermaßen verklausuliert und verschwurbelt, dass sich geschichtliche Verortung, Zusammenhänge und Abläufe nur mit großer Mühe erkennen ließen. Russischsprachige Publikationen zu diesem Thema gab es praktisch keine. Insbesondere über Wolgadeutsche wurde eine totale Informationsblockade verhängt, sodass in der UdSSR von 1941 bis 1988 nur ein einziger (!) wissenschaftlicher Beitrag über Wolgadeutsche veröffentlicht werden konnte. Dieser behandelte bezeichnenderweise ein Ereignis aus dem 18. Jahrhundert, nämlich die Beteiligung der Wolgadeutschen am Bauernaufstand von Jemeljan Pugatschow, der zwischen 1773 und 1775 stattgefunden hatte. (1)
Als groteske Begebenheit könnte man folgende schildern: Über die Geschichte der deutschen Siedlungen an der Wolga berichtete in einem Buch relativ umfangreich Wladimir Schischmarew, ein Mitglied der Akademie der Wissenschaften der UdSSR. Das Buch war allerdings den romanischsprachigen (d. h. rumänischen, moldawischen, französischen oder italienischen) Siedlungen im Russischen Reich gewidmet.(2) Laut Schischmarew hatte es etwa siebzig „waschechte“ Franzosen unter den zumeist deutschen Einwanderern an der Wolga gegeben; die deutschsprachigen Elsässer und Lothringer wurden bei dieser Zahl nicht berücksichtigt. In dem Werk durfte eine detaillierte Schilderung der gesamten Ansiedlungspolitik bzw. -geschichte dieser ausländischen Kolonisten an der Wolga auf Russisch veröffentlicht werden, und zwar im Jahr 1975 (siehe die besagte Publikation, S. 92‒120). So wurde in der Nachkriegszeit über die oben erwähnten 70 (!) Personen – Kolonisten französischer Herkunft – unverhältnismäßig mehr geschrieben als über die 23.000 deutsche bzw. deutschsprachige Einwanderer in die Wolgaregion, die dort bereits ab 1764 angesiedelt wurden.
Nachdem wir im vergangenen Monat auf die „Interesse an Politik 2018 (nach Migrationshintergrund“ eingegangen sind, präsentieren wir Ihnen in diesem Monat die „Politische Selbstwirksamkeit 2018 (nach Migrationshintergrund)“.
Vor dem Hintergrund der geschilderten Ergebnisse lohnt sich ein genauerer Blick auf die politische Selbstwirksamkeit von (Spät)Aussiedlern. Selbstwirksamkeit bezeichnet in der Psychologie allgemein verschiedene Arten subjektiver Kontrollüberzeugungen zur Gestaltung des eigenen Lebens und des Umfeldes (Bandura 1997).
Politische Selbstwirksamkeit bezieht sich konkret auf das Verhältnis der Menschen zu Politik und politischen Akteuren. Dieses Verhältnis wird durch zwei getrennt voneinander zu betrachtende Aspekte bestimmt (Beierlein et al. 2012: 7; Niemi/Craig/Mattei 1991: 1407–1408; SVR-Forschungsbereich 2019: 8): Der erste Aspekt richtet sich auf die Selbstwahrnehmung als Überzeugung, politische Sachverhalte verstehen und durch Engagement beeinflussen zu können (internal political efficacy). Der zweite Aspekt nimmt die wahrgenommene Responsivität vonseiten der Politik in den Blick (external political efficacy). Hier geht es darum, inwieweit die Menschen davon überzeugt sind, dass politische Akteure auf das Engagement von Bürgern reagieren. Politische Selbstwirksamkeit kann insofern politische Partizipation fördern, was sich empirisch belegen lässt (Reichert 2016: 229). Umgekehrt kann die Wahrnehmung, keinen Einfluss ausüben zu können oder von der Politik nicht gehört zu werden, das Vertrauen in politische Institutionen gefährden.
Die letzten beiden Tage der Fachtagung „Schwaben in Georgien – შვაბები საქართველოში – Swabians in Georgia: Multidisziplinäre Perspektiven auf eine deutsch-georgische Verflechtungsgeschichte“ standen ganz im Zeichen der thematischen Vertiefung und des wissenschaftlichen Austauschs über zentrale Aspekte des deutsch-georgischen Kulturerbes.
Der zweite Tag widmete sich zunächst dem Überthema „Bewahrung des kulturellen Erbes“. Dr. Anna Khukhua (Staatliche Zereteli-Universität Kutaissi) präsentierte ihren Beitrag „Artefakte als Mosaiksteine des kulturellen Erbes: Ein Projekt zur Erfassung, Klassifizierung und Digitalisierung von Artefakten der deutschen Siedler in Georgien“ und stellte dabei eindrucksvoll die Bedeutung materieller Kultur für die historische Erinnerung heraus. Daran anschließend beleuchtete Lali Kakhidze (Ilia State University Tbilissi) in ihrem Vortrag „Die schriftlichen Archivalien der deutschen Siedlungen in Georgien: Einblick in die digitale Erforschung dieses kulturellen Erbes“ die Rolle schriftlicher Quellen und digitaler Archivarbeit für die Bewahrung und Zugänglichkeit dieses kulturellen Erbes. Prof. Dr. Oliver Reisner (Ilia State University Tbilissi) ergänzte die Reihe mit seinem Beitrag „Quellenkundliche Studien zur deutsch-georgischen Verflechtungsgeschichte“ und berichtete zudem über die Aktivitäten des Vereins zur Bewahrung des deutschen Kulturerbes im Südkaukasus.